Scheidung auf kolumbianisch

20. August 2010

17. bis 20. August 2010, von der panamesischen Küstenstadt Carti an die Grenze Costa Ricas, Kilometer 26772 bis 27425 unserer Reise

[mapsmarker marker=“76″] Das Ende unseres kurzen Segelabenteuers steht bevor. Die Stahlratte nähert sich Carti, an der Festlandküste Panamas. Ein Beamter, der die Einreiseformalitäten mit allen Pässen erledigt kommt direkt zu uns an Bord und macht deutlich, dass er erst einmal ein „Geschenk“ in Form von mehreren Litern Sprit erwartet. Dann gehen zuerst die nicht motorisierten Gäste mit einem Wassertaxi von Bord. Für unsere drei Motorräder legt die Stahlratte anschließend extra noch einmal an einem betonierten Anlegesteg an. Diesmal fahren unsere Motorräder nicht mit dem Schlauchboot sondern werden direkt mit dem Flaschenzug auf den Betonsteg gehoben. Es ist ein ziemlich beunruhigender Anblick wie die Winde unser Motorrad langsam anhebt, bis es in 2 Meter Höhe über dem Schiff baumelt, bevor es anschließend langsam über die Bordwand Richtung Steg schaukelt. (Für Interessierte haben wir noch ein Video in der Galerie, wie unser Idefix am Haken baumelt)

Nachdem alle drei Motorräder sicher auf dem Steg angekommen sind fährt Rolli unser Gepäck mit dem Schlauchboot hinüber. Dann müssen wir Abschied von Ludwig, Rolli, Dex und Katharina nehmen, und bald legt die Stahlratte ab und verschwindet in der Ferne. Theatralisch zücken wir zwei weiße Taschentücher und winken vom Steg hinterher.

Wir haben beschlossen, das nächste Stück Weg gemeinsam mit Fernando und Harold, den beiden anderen Motorradfahrern aus Kolumbien, zu fahren, da wir sowieso erst einmal alle zum Zoll am Flughafen von Panama City müssen, um die Motorräder offiziell einzuführen (das ging leider nicht bereits auf dem Schiff). Auf der Strecke von Carti nach Panama City steht uns noch eine Flussdurchquerung bevor, und die Meinungen, wie einfach der Weg sei gehen doch ziemlich weit auseinander, von einfach bis kniffelig haben wir alle Varianten gelesen oder gehört, natürlich auch immer abhängig vom Wasserstand des Flusses. Als es prompt zu regnen beginnt als wir losfahren ist uns deshalb schon recht mulmig zumute. Aber gut dass wir als Gruppe fahren und uns zur Not gegenseitig helfen können, die Motorräder aus dem Fluss-Schlamm zu ziehen. Unsere Sorge war aber unbegründet: als wir den Fluss erreichten, und schon nach der besten Furt suchen wollten, signalisieren uns die Bauarbeiter, die gerade (endlich) eine Brücke über den Fluss errichten, dass wir die noch nicht fertige Brücke benutzen dürfen.

Dann geht es weiter über zunächst unbefestigte Straßen durch einen Nationalpark, und einmal verschwindet Harold kurz mit seiner Maschine im Straßengraben (gute Entscheidung, dass wir uns in Kolumbien für neue Stollenreifen entschieden haben). Davon abgesehen erreichen wir ohne weitere Zwischenfälle den Flughafen und machen uns auf die Suche nach der Zollstation. Was bei „Generationen“ von Motorradfahrern problemlos klappt – nämlich die Motrräder am Flughafen anzumelden – ist bei uns natürlich zum Scheitern verurteilt. Unser Kapitän Ludwig schickt seine motorisierten Gäste immer zum Flughafenzoll, auch in den Internet-Berichten anderer Motorradreisender lasen wir, dass die per Schiff angereisten Motorräder am Flughafen angemeldet wurden …nur bei uns hat der Zöllner anscheindend keine Lust und erklärt uns, dass wir nach Panama City hinein müssten, hier am Flughafen würde man das nicht machen – ja klar! Für uns ziemlich ärgerlich, weil wir uns nun erst einmal durch den Stadtverkehr kämpfen müssen, um das Zollamt finden. Als wir endlich vor dem Gebäude stehen hat es natürlich geschlossen – dabei ist es gerade mal 16.30 Uhr! Frank ist kurz davor die Geduld zu verlieren, da wir sowieso nur auf der Durchreise sind und höchstens 2 Tage in Panama bleiben, und nun schon so viel Zeit wegen des Einfuhrpapiers verplempern, dass er am liebsten einfach so bis nach Costa Rica durchgebrettert wäre.

[mapsmarker marker=“77″] Letztendlich entscheiden wir uns doch für den korrekten, offiziellen Weg uns suchen uns zähneknirschend eine Unterkunft in der Nähe des Zollbüros, zusammen mit den beiden Kolumbianern. Deren Reisebudget ist allerdings doch deutlich höher als unseres, so dass wir letztendlich in einem Hotel landen, in dem wir alleine niemals abgestiegen wären, weil es schlichtweg viel zu teuer für unsere Verhältnisse ist. Aber zum Glück bleiben wir nur eine Nacht – sobald wir am nächsten Tag endlich unseren Einfuhrwisch bekommen, hält uns hier nichts mehr.

Noch bevor wir unser Gepäck aufs Zimmer tragen können, überredet uns Fernando zu einem Bier an der Hotelbar (aus dem dann schnell drei oder vier Bier wurden) Während die Kolumbianer das Bier schneller nachbestellt haben, als Frank seine Gläser austrinken konnte erfahren wir wenigstens ein bisschen mehr über unsere zwei vorübergehenden Reisegefährten, die selbst gerade erst zu einer großen Motorradreise aufgebrochen sind, ohne jedoch einen Plan zu haben wie lange und wohin die Reise gehen soll. Ausgestattet mit einer nagelneuen großen 1200er BMW mit allem technischen Schnickschnack wie GPS und Onboard-Kamera, sieht man schon von weitem, dass zumindest Fernando für kolumbianische Verhältnisse äußerst wohlhabend ist. Frau und Kinder hat er für den Trip mit seinem Freund Harold zuhause zurückgelassen. Ob das so eine gute Idee war – Südamerikaner gelten ja als ziemlich eifersüchtig – und Kolumbianer machen da bestimmt keine Ausnahme: noch in Cartagena machte Fernandos Frau nämlich einen Kontrollbesuch auf der Stahlratte und fragte alle weiblichen Passagiere, mit wem sie an Bord seien um auszuschließen, dass die Motorradtour ihres Mannes nur ein Vorwand ist um in Wirklichkeit mit einer Geliebten in Urlaub zu fahren.

Als wir uns endlich von der Hotelbar losgerissen und unser Gepäck aufs Zimmer gebracht haben, machte sich Fernando gerade daran, sich telefonisch zuhause zu melden …und ward nicht mehr gesehen. Stunden später hing er immer noch am Telefon in der Hotellobby, während wir uns schon mit Abendessen versorgt und ins Bett verzogen haben. Auch Harold horchte mittlerweile schon an der Matratze. Irgendwann mitten in der Nacht riss uns Fernando aus dem Schlaf um Frank zu erklären, er fahre jetzt sofort nach Kolumbien zurück. Frank denkt sich nur: „Ja, ja, red du nur“ und legt sich wieder schlaftrunken zurück ins Bett. Am nächsten Morgen stellen wir allerdings fest, dass sowohl Harold als auch Fernando verschwunden waren, das meiste Gepäck war jedoch noch da, und auch ein Motorrad stand immer noch im Hof. Während wir noch rätseln, was das jetzt soll, und überlegen, ob wir jetzt alleine zum Zoll fahren sollen, taucht zumindest Harold wieder auf. Fernando selbst ist tatsächlich noch mitten in der Nacht nach Kolumbien zurückgeflogen, von Harold an den Flughafen gebracht und hat all seine Sachen kurzerhand zurückgelassen.

Beim Frühstück im Hotel entwirrt Harold das ganze Durcheinander: bei seinem abendlichen Anruf zuhause hat Fernando wohl herausgefunden, dass seine ach so eifersüchtige Frau sich in seiner Abwesenheit selbst einen Liebhaber zugelegt hat, verbrachte die ganze Nacht rauchend und trinkend an der Hotelbar um nachts zu beschließen, zurückzufliegen, sich mal schnell von seiner Frau scheiden zu lassen, um anschließend wieder zu Harold zurückzukommen und die Reise fortzusetzen (soweit zumindest der Plan). Harold hütet derweil in Panama die Motorräder und das Gepäck, versorgt mit der kompletten (nicht unerheblichen) Barschaft Fernandos, und kann sich erst einmal ein paar erholsame Tage (oder Wochen?) in der Kanal-Hauptstadt machen. Wie die mehr als skurrile Geschichte einer kolumbianischen Scheidung ausging, wissen wir bis heute nicht …zumindest war auf einschlägigen Internet-Nachrichtenseiten nichts von einem Familiendrama (Frau samt Geliebtem in flagranti erschossen) zu lesen, also gehen wir davon aus, dass alle Beteiligten noch leben und sich friedlich einigen.

Harold und Frank melden nach dem Frühstück noch gemeinsam die Motorräder auf dem Zollbüro an, das diesmal wenigstens geöffnet war. Zum allerersten Mal auf unserer Reise durch bisher acht Länder wurde auch nach einer existierenden Versicherung für das Motorrad gefragt – so kam unsere Auslands-Police, die wir noch von zuhause aus für die ersten 8 Monate unserer Reise abgeschlossen hatten wenigstens noch einmal zum Einsatz, kurz bevor sie ein Fall für den Papierkorb wird. Bei sovielen Länder ist bei der Einreise mit eigenem Fahrzeug eigentlich der Nachweis einer Versicherung erforderlich – nie hat es jemanden interessiert…

Anschließend trennen sich unsere Wege, wir verabschieden und von Harold, wünschen ihm Glück und das seine Reise bald weitergehen möge und düsen davon – über die gigantische Brücke über den Panama-Kanal immer weiter gen Westen Richtung Costa Rica. Zwei Tagesetappen trennen uns von der Grenze, die sich durch konsequente Regengüsse um 16 Uhr nachmittags auszeichnen, die uns jedesmal einen fahrenden Fischteich in den Motorradkoffern bescheren. Und wenn das noch nicht zu besonderen Freudentänzen reichen würde, springt uns kurz vor Costa Rica bei einem Überholmanöver die Kette vom Ritzel – das Vergnügen hatten wir ja schon lange nicht mehr. Als Frank anschließend den Übeltäter wieder auf das Zahnrad spannen will, wird das wahre Ausmaß des Schadens sichtbar – das Zahnrad ist nur noch ein …Rad – sämtliche Zähne fehlen, nur noch ein paar Stummel halten die Kette in Stellung. Gut dass es nicht mehr weit ist bis nach San José, der Hauptstadt Costa Ricas – in drei Tagen kommen unsere Freunde aus Deutschland zu Besuch und haben schon ein neues Zahnrad für uns im Gepäck , dass wir uns glücklicherweise schon längst bei unserem Motorradhändler in Deutschland bestellt hatten!

 
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