Eine Seefahrt die ist lustig…
17. August 2010
11. bis 17. August 2010, von der kolumbianischen Hafenstadt Cartagena an die Küste Panamas, Kilometer 26757 bis 26772 unserer Reise
Als Reisender zwischen Süd- und Mittelamerika steht man irgendwann vor dem Problem, dass es zwar eine Landbrücke zwischen den beiden Kontinenten gibt, jedoch nach wie vor über 100 Kilometer Straßenverbindung in der berühmten Panamericana fehlen. Das sogenannte „Darien Gap“ ist dichtes Dschungel- und Sumpfgebiet, von Guerillatruppen beherrscht. Die Überwindung des Darien Gaps ist nur per Flug oder Schiff möglich.
Wir haben uns für den Wasserweg entschieden, weil wir uns die Arbeit ersparen wollten, das Motorrad wieder per Frachtkiste verschicken zu müssen. Es gibt einige Segelschiffe, die Motorräder mitnehmen. Das größte davon ist die deutsche „Stahlratte“, ein über 100 Jahre alter Zweimaster, der zwischen Cartagena und dem San-Blas-Archipel vor der Küste Panamas pendelt. Per E-Mail hatten wir schon mit dem Kapitän der „Stahlratte“ die Passage ausgemacht. Bei unserer Ankunft in Cartagena mittwochs riefen wir direkt bei Ludwig an und verabredeten die Verladung des Motorrades für Freitag nachmittags. Wir selbst folgen dann Samstags früh aufs Schiff.
[mapsmarker marker=“74″] Wir quartieren uns für die drei Tage in einem einfachen Hotel in Cartagena ein. Als wir am ersten Abend nach ein paar Einkäufen durch die Straßen zurück zu unserem Hotel laufen, begegnen wir prompt unserem Kapitän, der auch gerade mal als Landratte unterwegs war. Gut, dass Frank schon ein paar Fotos im Internet gesehen hatte, ihn gleich wiedererkennt, und einmal quer über die Straße trötet… „Hey, das sieht doch aus wie ein Ludwig!“ Okay, dezent geht anders, aber so lernen wir wenigstens schon mal den Mann kennen, dem wir unseren Idefix anvertrauen wollen. Frank schwimmt gleich auf einer Wellenlänge mit unserem Käpt’n und sieht der Verladung übermorgen mit nicht mehr so vielen Sorgenfalten auf der Stirn entgegen.
Der Dauerregen, der uns bereits bis nach Cartagena begleitet hat, hält uns auch am nächsten Tag mehr oder weniger im Hotel fest, von einem kleinen Ausflug in die Altstadt abgesehen. Stattdessen versuchen wir auf dem Hotelbalkon ein bisschen kühle frische Luft einzufangen. Unser Zimmer hat nur ein winziges Fenster und einen großen Deckenventilator, der die Luft mehr verquirlt als wirklich frischen Wind herbeifächelt (klar, wo soll er auch herkommen). Da stört es auch nicht sonderlich, dass die Dusche in unserem Bad nur kaltes Wasser hat (kalt ist sowieso relativ zu sehen).
Am 13. August ist es dann soweit: Mit einem Teil unseres Gepäcks fahren wir zum Hafen, zum Verladetreffpunkt. Außer unserem sollen noch zwei kolumbianische Motorräder auf die Stahlratte verladen werden. Harold und Fernando stehen mit ihren Bikes schon bereit – von der Stahlratte allerdings noch keine Spur. Plötzlich taucht Ludwig in einem Schlauchboot auf, und winkt uns zu dem Holzsteg, an dem er nun mit dem Schlauchboot anlegt. Das meint er doch jetzt hoffentlich nicht ernst… Er meint! Mit ihm sind noch zwei Männer von der Schiffscrew mitgekommen, Dex und Rolli, die nun kurz und schmerzlos den Motorrädern einem nach dem anderen einen Haltestrick umbinden. Wir können uns das ganze nicht mal zuerst aus sicherer Ferne ansehen, unserem Idefix geht es gleich als Erstes an den Kragen. Wir fragen uns noch, ob das Schlauchboot unter dem Gewicht der Motorräder nicht untergeht, als unser Moto schon kurzerhand vom Holzsteg in das Dinghi geschoben ist (das übrigens nicht gesunken ist). Aufrecht steht es nun in dem Schlauchboot, während Ludwig wie ein Kaiser obenauf thront, und das Motorrad so in dem Bootchen im Gleichgewicht hält. Während die drei bereits Richtung Stahlratte davondüsen rufen sie uns noch herüber, dass die Touristen doch immer schön blöd sind – geben einfach das Motorrad raus, die Schlüssel, die Papiere, ts ts ts… Wie unser Motorrad anschließend aus dem Dinghi auf die Stahlratte gekommen ist, sehen wir vom Steg aus nicht einmal, aber Ludwig und die beiden anderen kommen wieder zurück, also ist es wohl gut gegangen. Naja, die anderen beiden Motorräder sind ja auch noch dran, außerdem hat man auf der Stahlratte schon Routine mit den zweirädrigen Passagieren. Einmal hat wohl eine ganze skandinavische Bikertruppe das Schiff gechartert und das Deck der Stahlratte stand voll mit Motorrädern, während deren Fahrer die Rumvorräte vernichtet haben.
Auf der letzten Fahrt nimmt Ludwig dann noch einen Teil unseres Gepäcks mit aufs Schiff und wir verabschieden uns bis zum nächsten Morgen, wenn wir dann mit den restlichen Taschen wiederkommen.
Wir sind für 8 Uhr verabredet. Im Supermarkt in der Nähe des Anlegestegs investieren wir unsere letzten kolumbianischen Pesos in Biervorräte für auf dem Schiff (nicht dass Frank in den nächsten 3 Tagen auf „hoher See“ das Bier ausgeht…). Wir sind die ersten die wieder zurück am Steg sind. Obwohl noch so früh am Tag brennt die Sonne erbarmungslos, während wir auf Ludwig warten, damit er uns auf die Stahlratte mitnimmt. Während wir und Harold (der eine der beiden kolumbianischen Motorradfahrer) noch wartend herumstehen, werden wir von einer britischen Familie auf einen Tee auf ihr Schiff eingeladen, das am selben Steg ankert. Mit zwei kleinen Kindern lebt das Paar auf der Yacht und unterrichtet die Kleinen während der Weltumsegelung selbst. Während wir noch bei der Familie sitzen und schwatzen, taucht auch endllich Ludwig auf und holt uns ab. Jetzt betreten wir zum ersten Mal die Stahlratte und sind wieder mit unserem Motorrad vereint, das sicher an der Reling verzurrt ist.
Auf knapp 40 Metern kann die Stahlratte etwa 18 Gäste beherbergen. Momentan besteht die Crew aus Kapitän Ludwig, Bordingenieur Rolli, gefühlte 2,99m groß und selbst ehemaliger Motorradreisender, den Matrosen Dex und Katharina, und der kolumbianischen Freundin des Käptn’s, Maria. Unter Deck gibt es einen großen Raum, in dem die Schlafkojen durch Vorhänge abgeteilt sind, eine Küche, Aufenthaltsraum mit Filmsammlung und Bibliothek und auf Deck ein großer Tisch, auf dem bereits ein leckeres Frühstück eingedeckt ist. Hier wartet frischer Fruchtsalat, Omelette, Guacamole, selbstgemachter Kräuterquark und viele andere Leckereien.
Kaum dass wir gefrühstückt haben legt die Stahlratte bereits ab. Jetzt kehren wir Südamerika nach über 7 gemeinsamen abenteuerlichen Monaten und über 26700 Reisekilometern endgültig den Rücken. Die Überfahrt von Cartagena ins San-Blas-Archipel soll rund 26 Stunden dauern – morgen mittag werden wir das Schnorchelparadies aus 365 kleinen Inseln erreichen. Es gibt noch eine kleine Einweisung ins Bordleben (zum Beispiel hat jeder mal Küchendienst) dann fängt auch schon der angenehme Teil an, faulenzen und lesen an Deck, die beiden Kolumbianer öffnen schon die erste Flasche Rum, das können ja ein paar lustige Tage werden… Gegen abend gehen uns zwei Thunfische an die Angel, die wir hinter uns herschleppen, Rolli zerlegt die beiden dicken Brocken direkt an Deck, die gibts dann wohl morgen zum Abendessen.
[mapsmarker marker=“75″] Wie angekündigt erreicht die Stahlratte nach einer ruhigen Überfahrt über spiegelglattes Meer, bei der wir zwischen durch von Delfinen eskortiert werden, am 15. August unseren Ankerplatz in den Coco Banderos Keys im San Blas Archipel. Kaum liegen wir vor Anker, kommen bereits die ersten Kunas, der in den San Blas Inseln heimische Indianerstamm in ihren Kanus zum Schiff, um ihre Waren anzupreisen. Der Kapitän kauft den Kuna einen Eimer voll Langusten und einen riesigen Krebs ab. In einem Netz dürfen die Viecher noch einen letzten Gnadentag neben der Stahlratte im Wasser dahintreiben, bevor es morgen in den Topf geht.
Die Stahlratte liegt inmitten kleinster Inselchen, jede gerade mal mit einer handvoll Kokospalmen bewachsen und von Riffen mit bunten Fischschwärmen umgeben. Vom Schiff aus können wir direkt zu einer der Inseln herüberschwimmen und wie Robinson am Strand liegen und Kokosnüsse essen (Frank hat den Überlebenstest bestanden und sogar eine geknackt – wir verhungern schonmal nicht auf einer einsamen Insel …beruhigend). Oder man leiht sich vom Schnorchelequipment an Bord der Stahlratte aus und geht auf Unterwasser-Entdeckungstour. Bei den Männern an Bord besonders beliebt war auch das Tarzan-Seil (oder seemännisch: Lummensprunganlage) – wer wollte sich schließlich nicht mal laut jodelnd an einem Seil kopfüber ins Wasser stürzen. Bei manchen klappte das auch mehr oder weniger elegant, wie ein Pinguin mit Bleischuhen, aber wir haben ja zwei Tage Zeit zum Üben… (in der Fotogalerie gibt es übrigens auch ein Video vom sterbenden Schwan am Seil)
Und wenn dann alle Gäste mit den obligatorischen Bierdöschen in der Hand ums Schiff herum im Wasser paddeln, KANN es auch mal vorkommen, dass sich der erste Schiffsoffizier (Rolli) unter Rum-Einfluss die abgelegten Klamotten der Mädels schnappt und mal ausprobiert, ob ein Jeans-Minirock auch einem gestandenen Seemann steht (der Mann passt bei über 2 Meter Körpergröße tatsächlich in Kleidergröße 38).
Wenn wir uns nicht gerade im Wasser Schwimmhäute zwischen den Zehen wachsen lassen, werden wir von den Kochkünsten von Rolli und Ludwig verwöhnt. Leider fällt das geplante Strandbarbecue sprichwörtlich ins Wasser, als die Regenfontänen übers Schiff peitschen. Am nächsten Morgen hatte der Wind die Stahlratte sogar auf eine Sandbank vor unsere Robinsoninsel getrieben (die Palme im Klofenster war da doch gestern abend noch nicht…). Ludwig ist davon recht unbeeindruckt, klar bei einem Stahlrumpf, legt einfach den Vorwärtsgang ein und parkt wieder aus.
Am letzten Abend gibt es dann ein Gourmet-Essen. Die Langusten köcheln in einer Maracuja-Sahne Sauce, der Thunfisch hat sich in feine Steaks auf dem Backofenblech verwandelt und die Krabbe sitzt in ihrem Panzer am Stück auf dem Tisch und wartet darauf, mit dem Hammer aus ihrer Schale gepellt zu werden. In der Dunkelheit bekommt die Stahlratte Besuch von anderen neugierigen Wasserbewohnern. Im Schein der Taschenlampen, mit denen wir über die Reling ins Wasser leuchten, sehen wir einen großen Rochen durchs Wasser gleiten und ein paar Pilotfische, die auf den ersten Blick aussehen, wie ein Schwarm Haie. Frank hat offenbar auf Galapagos noch nicht genug von Haien bekommen und hüpft gleich noch mal mit Taucherbrille und Taschenlampe über Bord, in der Hoffnung, das Erlebnis von damals noch toppen zu können. Hoffentlich springt er jetzt nicht in Zukunft zu jedem Hai ins Meer um auf Schmusekurs zu gehen…
Viel zu schnell gehen die drei Tage in den karibischen Gewässern vorbei, wir haben uns wieder zu unserem Segelabenteuer vor sieben Jahren zurückversetzt gefühlt, und könnten glatt noch ein paar Wochen in dem kleinen Paradies bleiben. Leider legt die Stahlratte schon am folgenden Morgen in Carti an, um uns und unser Motorrad wieder von Bord zu lassen.
Wer mehr Fotos (und ein paar Videos) sehen möchte, muss in der Fotogalerie weiter schauen…





















