Eine Fahrt über hohe Pässe, durch atemberaubende Schluchten …in eine 140 Kilometer lange Sackgasse

16. Mai 2010

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Vina del Mar (2): -33.024527, -71.552340
Vicuna, Chile: -30.031900, -70.708100
Salta, Argentinien: -24.782932, -65.412155
Susques, Argentinien: -23.648965, -66.808198
7. bis 16. Mai 2010, Vina del Mar (Chile) bis Susques (Argentinien), Km 14905 bis 16797 unserer Reise
Am Freitag, den 7. Mai verlassen wir Vina del Mar. Entlang der Pazifikküste und etlichen Strandresorts, die uns irgendwie an die Touristenzentren Südspaniens erinnern (klar, auch Chilenen wollen Badeurlaub machen) führt uns unsere Route weiter nach Nordosten. Die Landschaft wird immer trockener und man merkt, dass man sich den Wüstenregionen Chiles nähert. Jedesmal wenn wir uns vom Meer fortbewegen, wird die kühle Meeresbrise durch heißen Wüstenwind ersetzt, so dass man nicht weiß, ob man den dicken Pullover von sich werfen oder lieber noch einen zweiten obendrüber stülpen soll.

Unsere heutige Tagesstrecke führt uns zum “Monumento Nacional Valle Encanto”, ein geschütztes Tal, in dem man Felsritzzeichnungen und Mühlsteine der Ureinwohner gefunden hat. Hier gibt es einen Campingplatz für die Besucher (man stelle sich mal vor, man könnte in Deutschland in der Grube Messel zelten – unvorstellbar). Da es bald dunkel und schon zu spät für eine Besichtigung ist, bauen wir nur noch unser Zelt auf, machen es uns gemütlich und starten die Erkundungstour am nächsten Morgen. Ganz und gar untouristisch, nur ausgestattet mit einem schlecht kopierten Lageplan können wir alleine im archäologischen Gelände herumlaufen. Manchmal finden wir an den eingezeichneten Stellen sogar etwas…

Danach geht es für uns noch weiter ins 170km entfernte Vicuna, wo wir uns für den gleichen Abend noch für eine Observatoriums-Führung anmelden. In diesem Teil Chiles gibt es unzählige Observatorien, denn der Wüstenhimmel ist so klar, dass man mit bloßem Auge die Nebelwolken der Milchstraße und weiter entfernter Galaxien erkennen kann. Die meisten Observatorien sind jedoch in wissenschaftlichem Dienst und daher nur schwer und mit umständlicher Voranmeldung als Besucher zu besichtigen. Das in Vicuna jedoch ist speziell für touristische Führungen eingerichtet worden, so dass wir uns spontan noch der abendlichen Führung anschließen können. Das Observatorium liegt außerhalb der Stadt auf einem Berg. Es ist klein, und betreibt nur zwei Teleskope. Wir können aber durch beide mehrmals einen Blick werfen, dazu gibt es noch jede Menge Erklärungen wie man mit dem Kreuz des Südens navigiert, Sternbilder erkennt und vieles mehr, die zwei Stunden vergehen wie im (Sternen)-Flug.

Am nächsten Tag, dem 9. Mai, heißt es für uns, endlich eine Entscheidung über unsere weitere Route zu treffen. Sowohl in Argentinien als auch in Chile warten noch einige schöne Orte auf uns, leider können wir aber nicht auf beiden Seiten der Anden zugleich sein. Wollen wir direkt weiter nach Norden, Richtung Atacama-Wüste oder fahren wir noch einmal nach Argentinien, das wir in letzter Zeit etwas links – pardon, rechts – liegen gelassen haben, weil uns Chile so gut gefiel. So einfach mal eben schnell über die Grenze flitzen wie es im Süden möglich war, ist hier nicht mehr, denn die Anden werden immer höher, je weiter man nach Norden kommt, und man kann nur noch über wenige Pass-Straßen zwischen den Ländern wechseln, zwischen denen jeweils mehrere hundert Kilometer liegen.

Einer dieser Pässe, der “Agua Negra” liegt uns hier in Vicuna direkt vor der Nase, und lädt uns quasi ein, diese Chance zu nutzen. Mal abgesehen davon, dass dieser Pass auch landschaftlich einer der schönsten sein soll. Atacama-Wüste oder Agua-Negra-Pass? Der Pass gewinnt, wenn auch nur knapp, aber wir haben später im Norden noch einmal die Möglichkeit, nach Chile zurückzukehren, so dass uns die Atacama nicht ganz verloren geht.

Gipfelstürmer
Der Pass hat nicht zu viel versprochen – wir fahren durch eine wunderschöne Landschaft mit bunt marmorierten Bergen, die Sonne scheint. Nach dem chilenischen Grenzposten hört allerdings die asphaltierte Strecke auf und es folgt Motorradfahrers größte Freude – fieses Wellblech, auf dem wir nur noch mit maximal 40km/h voran kommen. Bis zum höchsten Punkt des Passes sind es noch rund 90km und auf der anderen Seite müssen wir ja auch wieder herunter. Wir überlegen schon, irgendwo wild zu campen, um nicht auf dem Pass in die Dunkelheit zu kommen, und den Rest am nächsten Tag zu fahren (es ist schließlich Herbst und die Sonne geht zwischen 18 und 19 Uhr unter). Bis auf einen Pickup der uns in eine Staubwolke hüllt und einem einzelnen Fahrradfahrer sind wir alleine auf der Strecke, der Pass ist menschenleer. Wir schrauben uns Meter um Meter die Serpentinen hoch, wir befinden uns schon auf über 4000 Metern, als zum Wellblech auch noch gelegentlich Eis und Schneereste auf dem Weg hinzukommen. An einer besonders glatten Stelle steigt Andrea ab um Schotter vom Wegrand (davon gibt es hier ja im Überfluß) auf die Eisplatte vor uns zu streuen, damit Frank mit dem Motorrad nicht ausrutscht …und fällt dabei fast in Ohnmacht, weil hier oben die Luft so dünn ist und der Kreislauf von dem schnellen Anstieg noch verrückt spielt. Am höchsten Punkt des Passes, auf 4780 Metern ist es noch schlimmer, allein ein simples Foto zu schießen kostet Kraft, und es ist so eisig, dass die Hände schmerzen, wenn man nur für ein paar Sekunden die Handschuhe auszieht. Heißen Tee aufzubrühen ist uns schon zu mühsam, wir trinken das heiße Wasser ungewürzt aus der Thermosflasche um ein wenig Wärme in die Knochen zu bekommen.

Wir beeilen uns, den Pass schnell wieder hinunter zu kommen. Wie befürchtet, dämmert es bereits. Der erhoffte Asphalt auf argentinischer Seite bleibt aus, und wir kämpfen uns in der Dunkelheit über die unbefestigte Straße, die auch noch durch etliche Baustellen und Umleitungen unübersichtlich wird. Man kann kaum den Straßenverlauf erahnen, und plötzlich stehen wir vor einem steinigen Flußbett. In der Schwärze vor uns, sieht man nicht, wie tief das Wasser ist und einen anderen Weg scheint es nicht zu geben. Da hilft nur, Füße hochziehen und durch! 110 Kilometer nach der Pass-Spitze erreichen wir endlich auch die argentinische Grenzstation, und bringen die Einreiseformalitäten hinter uns. Es ist inzwischen nach 21 Uhr. Danach interessiert uns nur noch eines – ein warmes Bett finden.

Unser letzter Besuch in Argentinien
10. Mai –
Bereits zum sechsten Mal sind wir nun wieder in diesem ersten Land unserer Reise, und Argentiniens Nordwesten entpuppt sich als eine der schönsten Regionen. Wir hätten viel verpasst, wenn wir uns entschieden hätten, in Chile zu bleiben. Mit dem Motorrad geht es durch tolle Landschaften, zuerst schwarze zerklüftete Felsen, dann leuchtend rote, mit riesigen Kakteen bewachsene. Eine Zeitlang fahren wir Kolonne mit einer argentinischen Motorradgruppe, die in voller Fahrt die Kameras zücken und über die Schulter Fotos von uns machen. Ab Huaco hat uns unsere alte Freundin, die Ruta 40 wieder, diesmal jedoch gepflegt asphaltiert. In Chilecito legen wir einen kurzen Übernachtungsstopp ein, dann geht es am nächsten Tag gleich weiter. Diesmal staunen wir jedoch nicht über Felsformationen sondern über Müll, der sich noch kilometerweit nach Chilecito entlang der Straße zieht und anklagend von Büschen im Wind weht. In Chilecito müssen die südamerikanische Ausgabe der Flodders hausen. Zum Glück bleibt dies unsere einzige Begegnung mit vermüllter Landschaft hier in Argentinien.

Weiter auf unserem Weg entdecken wir in Londres eine Sehenswürdigkeit, die nicht in unserem Reiseführer, dafür aber in Franks Straßenkarte vermerkt ist: die Ruinas “El Shinkal”. Eigentlich erwarten wir uns nicht viel davon, werden aber positiv überrascht. Es handelt sich um Inka-Gebäuderuinen mit kleinem Museum. Wir wußten gar nicht, dass die Inkas noch so weit südlich Siedlungen hatten. Zum ersten Mal sehen wir auf unserer Reise Relikte der Inkas, deren bekannteste “Hinterlassenschaft” uns in Peru begegnen wird – Macchu Picchu.

Ruinas de Quilmes und Salta
12. Mai –
Für heute steht gleich noch ein weiteres Mal eine Ansammlung alter Steine auf dem Programm. Die Ruinas de Quilmes sind dieses Mal auch in unserem Reiseführer zu finden, der uns gleich mit einem Versprechen auf Camping-Möglichkeiten lockt. Fein, damit steht die Tagesplanung fest: zu den Ruinen fahren, besichtigen und anschließend gleich an dieser historisch wertvollen Stätte zelten. Wir kaufen noch schnell ein paar Lebensmittel für die Campingküche ein und düsen los.

Die Ruinas de Quilmes sind nach dem Indianerstamm benannt, der sich in diesen Festungsmauern erfolgreich gegen die Inkas verteidigen konnte, und erst viel später gegen die Spanier unterlag. Leider kommt es immer anders als man denkt, denn natürlich konnte man an den Ruinen NICHT campen, es gab zwar dort auch mal ein Hotel, aber wir konnten nicht herausfinden, ob das alles nur geschlossen hat, weil derzeit Nebensaison ist, oder dauerhaft. Dann müssen wir nach der Besichtigung der Ruinen eben weiterfahren und uns eine andere Übernachtungsmöglichkeit suchen. Auf diesem Weg packt Frank gleich der Motorradfahrerische Ehrgeiz, nicht der nächste Ort Cafayate darf es sein, nein, jetzt müssen gleich noch einmal weitere rund 170 Kilometer bis nach Salta, der größten Stadt in Argentiniens Norden, abgespult werden.

Auf diesem Weg fahren wir durch ein Tal voll faszinierender Felsformationen aus ziegelrotem Gestein, da gibt es zum Beispiel den Obelisken, die “Ventanas” (Fenster), das Amphitheater und den Teufelsschlund. Wenn man diese Namen liest, kann man sich schon ungefähr vorstellen, was für bizarre Formen der Stein hier gebildet hat. Wir packen den Fotoapparat schon gar nicht mehr ein, weil beinahe nach jeder Kurve neue tolle Motive vor uns erscheinen.

Während der ganzen Fotografiererei bricht natürlich – mal wieder – die Dunkelheit über uns herein und die letzten 90km bis Salta eiern wir durch die Finsternis und hoffen, dass wir nicht allzuviele landschaftliche Highlights gerade verpassen. Dummerweise ist auch noch unser wichtigstes Motorradzubehör ausgefallen – die Hupe – essenziell um störrische Kühe oder Schafe von der Straße zu hupen. Glücklicherweise hat sich das Weidevieh inzischen wohl schlafen gelegt, zumindest taucht keine Kuh plötzlich vor uns im Scheinwerferlicht auf. Als wir endlich in Salta ankommen, haben wir mal wieder unseren eigenen Rekord in den Schatten gestellt und die Messlatte auf 470 Tageskilometer geschraubt.

13. Mai – Vielleicht ist uns Santiago einfach noch zu gut im Gedächtnis, denn für Salta können wir uns nicht so recht begeistern. Es gibt zwar einige nette Plätze und alte Gebäude aus der Kolonialzeit, aber ansonsten ist es einfach nur eine argentinische Großstadt wie jede andere. Da wir Argentinien jedoch bald endgültig verlassen, gehen wir abends noch einmal eine typische Parillada essen. Wer weiß wann wir das nächste Mal ordentliches Grillfleisch essen können, nördlich von hier warten nämlich die “Reis und Hühnchen”-Länder.

Aufbruch Richtung Chile
14. Mai –
Von Salta aus wenden wir uns nach Westen. Über den nördlichsten Andenpass in Argentinien – den Paso Jama – wollen wir wieder zurück nach Chile und die Atacama-Wüste nachholen, die wir beim letzten Mal aufgeschoben hatten. Die Strecke ist zu weit für eine Tagesetappe, aber wir planen, im letzten Ort vor dem Pass – in Susques – zu übernachten, um am nächsten Morgen gleich früh über den Pass zu fahren und nicht wieder den gleichen Fehler wie beim letzten Mal zu machen.

Auf dem Weg nach Susques machen wir noch einen kleinen Abstecher in die Humahuaca-Schlucht, die wegen ihrer vielfarbig gestreiften Felswände berühmt ist. Dann führt uns unser Weg über eine 3600 Meter hohe Hochebene, auf der sich ein großer Salar befindet. Die wabenförmig getrockneten Salzfelder geben uns schon einmal einen Vorgeschmack auf den noch viel größeren Salar de Uyuni in Bolivien. Die Stürme auf diese Hochebene stellen jedoch die patagonischen Winde locker in den Schatten und  man muss aufpassen, dass nicht eine plötzliche Windböe uns samt Moto wegfegt.

Schließlich erreichen wir Susques, ein lehmbraunes, staubiges Einöd-Dorf, in dem sich schon die LKWs in den Straßen stauen, die hier – genau wie wir – vor der Passüberquerung übernachten wollen. Das Dorf scheint nur von diesen Transitgästen zu leben. Während wir noch eine Übernachtung suchen sind die Straßen so vollgestopft, dass wir mit dem Motorrad kaum noch zwischen den LKW hindurchfinden. Leider sind wir etwas spät dran und haben bei der Wahl einer Unterkunft nicht mehr viel Glück. Entweder ein Hotelzimmer zu horrenden Preisen, die wir seit Ushuaia nicht mehr hatten (140 Pesos für das Zimmer) oder ein Mehrbettzimmer mit drei brasilianischen Bikern teilen. Wir beißen in den sauren Apfel und schröpfen unsere Geldbörse…

Am nächsten Morgen bleibt uns das Frühstück fast im Halse stecken, als wir erfahren, dass in der Nacht angeblich 3 Meter Schnee auf dem Pass gefallen seien, und der komplette chilenische Teil bis nach San Pedro de Atacama gesperrt sei. Wann der Pass wieder geöffnet wird weiß keiner genau, zunächst heißt es, an diesem Nachmittag , dann plötzlich Montag oder Dienstag, dann sagt eine Grenzbeamtin, dass er morgen (Sonntag) ganz sicher offen sei. Wir wissen nicht so recht was wir machen sollen, und beschließen, dem Pass noch bis morgen eine Chance zu geben, bevor wir wieder umdrehen und unsere Notfallroute über Bolivien nehmen müssen. Auch die ganzen Lastwagen stehen nach wie vor in den Straßen, die sitzen genauso fest wie wir.
16. Mai – Wir stehen zeitig auf und beladen das Motorrad, so oder so wird es heute für uns weiter gehen. Die Berichte über den Pass sind allerdings entmutigend, noch immer weiß keiner so recht, wann er wieder passierbar sein wird. Das gibt für uns denn Ausschlag, wir können hier leider nicht auf Verdacht noch mehrere Tage absitzen und auf besser Wetter warten. Das heißt für uns vorläufig Abschied nehmen von Chile und unsere Ersatzroute nach Bolivien einschlagen. Wir fahren also unsere 140 Kilometer lange “Sackgasse” wieder zurück und biegen nun zum zweiten Mal in die Humahuaca-Schlucht ein, der schnellste Weg nach Bolivien. Noch in der Humahuacaschlucht überqueren wir den Wendekreis des Steinbocks – den Wendekreis der Südhalbkugel, besonders tropisch wird das Wetter aber trotzdem nicht. Im Gegenteil, es erwarten uns wieder heftigste Staubstürme in Orkanstärke. Sogar aus unserem dicken Reiseführer rieselt später der Sand. Irgendwann taucht in dem Dunst vor uns die beiden Grenzstädte auf. Nur noch schnell die Formalitäten erledigen, dann betreten wir das vierte Land auf unserer Reise…

Wer noch mehr Fotos zu diesem Teil unseres Abenteuers sehen möchte schaut wie immer in der Fotogalerie…

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