Sieben Tage – Zwei Andenüberquerungen, 1400 Kilometer und 17 Seen später

29. April 2010

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Ancud, Chile: -41.867500, -73.827697
Santiago de Chile: -33.469120, -70.641997
22.-29. April 2010, von Ancud auf Chiloé bis Santiago de Chile
Nicht umsonst trägt in Chile eine der zwölf Provinzen den Namen “Region de los Lagos” (Region der Seen), und auf der argentinischen Seite der Anden gibt es eine Straße die “Camino de los siete Lagos” (Straße der sieben Seen) genannt wird. Zwischen der kühlen, stürmischen Pampa im Süden und der trockenen Wüstenregion des Nordens ist dieser Teil bestimmt der bunteste des Landes – türkisgrüne und blaue Seen mit schneebedeckten Vulkanen und den Andengipfeln im Hintergrund und dazu so viele Wasserfälle, dass man schon beinahe abstumpft von der ganzen Reizüberflutung *gähn, schon wieder, kenn ich schon…*  Im Gegensatz zu der langweiligen gelb-grauen Landschaft neben der Ruta 3 auf unserem Weg damals nach Süden, fliegen die Kilometer hier nur so dahin, und man möchte hinter jeder Kurve einen Fotostop einlegen.

Am 22. April hieß es für uns Abschied nehmen von Chiloé. Mit einer kurzen Fähre setzen wir auf das nördliche Festland über. Die Gegend um Puerto Montt trägt so viel deutschen Einfluss, dass wir im Nachhinein gar nicht mehr nachvollziehen können, warum um das deutsche Dörfchen Puyuhuapi weiter im Süden so viel Aufhebens gemacht wurde. Die meisten deutschen Einwanderer wurden von Puerto Montt aus im Land “verteilt”. Hier sieht man immer wieder Fachwerkhäuschen und andere Gebäude mitteleuropäischer Bauweise – in Puerto Varas nur wenige Kilometer weiter steht sogar eine Kopie der Marienkirche aus dem Schwarzwald.

Wir arbeiten uns zwischen Seen und Dörfern hindurch Richtung argentinische Grenze, denn natürlich wollen wir uns die bereits oben erwähnte “Straße der sieben Seen” nicht entgehen lassen. Damit steht unsere dritte Andenüberquerung an. An der chilenischen Grenzbehörde kurz vor der Pass-Straße werden wir von dem Beamten darauf aufmerksam gemacht, dass zwar unser Motorrad über die korrekten Einreisepapiere verfügt, jedoch in unserem Pass der Einreisestempel fehlt. Die hat der schusselige Grenzbeamte damals wohl vergessen. Toll, zwei illegale Einwanderer mit legal importiertem Motorrad! Der Grenzbeamte sieht das jedoch locker, da er ja an den chilenischen Motorrad-Einfuhrbescheinigung sieht, dass wir brav die Zollstation aufgesucht hatten, pappt uns die (irgendwie sinnlosen) Ausreisestempel in den Pass und lässt uns ziehen. Kurve um Kurve schlängeln wir uns anschließend den Pass hinauf, es wird mit jedem Meter kühler und bald liegt Schnee neben der Straße. Hoffentlich bleiben wir von Glatteis verschont, denn Schneeketten oder Spikes gehören nun wirklich nicht zu unserem Ausrüstungsumfang. Aber zum Glück ist alles ganz harmlos. Nun sind wir wieder in Argentinien. In Villa la Angostura suchen wir uns eine Bleibe für eine Nacht und am nächsten Tag geht es auf der “Straße der sieben Seen” weiter nach Norden.

Am nächsten Morgen erwarten uns jedoch erst einmal zwei Überraschungen: da haben wir doch glatt vergessen, unsere Uhr auf argentinische Zeit umzustellen und prompt um eine Stunde das Frühstück verschlafen, aus dem nun eher ein Mittagessen wird. Der, wie in Südamerika allgemein üblich, stetig nebenher blubbernde Fernseher im Empfangsraum des Hostals informiert uns über ein neuerliches Erdbeben in Chile vor erst wenigen Stunden. Da wird Andrea etwas blaß um die Nase und erzählt Frank, dass sie in dieser Nacht von einem Erdbeben geträumt hätte… Entweder war es Zufall oder das Beben war bis zu uns zu spüren und vom Unterbewusstsein gleich in einen Traum eingebaut.

Der vielgerühmte “Camino de los siete Lagos” empfängt uns leider mit Baustellen-Charme. Ist ja lobenswert, dass man sich auch hier nach und nach von den Vorteilen einer Asphaltstraße überzeugt – für uns auf dem Motorrad bedeutet es jedoch, dass wir die schöne Strecke kaum genießen können, da der von den Baufahrzeugen aufgewühlte Schlamm eine Schlitterpartie nach der anderen bietet und Frank alle Hände voll zu tun hat, das Moto senkrecht zu behalten.

Am Ende der leider nicht ganz so charmanten Strecke machen wir Halt in San Martin de los Andes, um unsere Weiterfahrt zu organisieren. Von hier aus geht es nämlich für uns nach nur zwei Tagen Argentinien am folgenden Tag bereits wieder zurück ins chilenische Seengebiet. Dazu müssen wir jedoch noch eine Fährüberfahrt ausfindig machen, die uns gleich nach der Grenze über den See Pirehueico übersetzen soll, um den ausnahmsweise einmal keine Straße herum führt. Natürlich müsste diese Fährfahrt nicht unbedingt sein, allerdings haben uns schon mehrere andere Reisende von diesem tollen See vorgeschwärmt, so dass wir uns entschlossen haben, genau an dieser Stelle wieder nach Chile zurückzukehren. Leider hat man es hier mit der Fährorganisation nicht so, das mussten wir ja schon vor zwei Wochen feststellen, als wir unsere Überfahrt nach Chiloé buchen wollten. An der Touristeninformation in San Martin de los Andes heißt es, die Fähre fahre momentan im Winter nur einmal täglich (die heutige haben wir natürlich gerade verpasst). Die nächste fährt am nächsten Nachmittag. Na gut, dann übernachten wir eben hier.

Zurück nach Chile
Am nächsten Tag, dem 24. April haben wir mehr als genug Zeit – nur gute 50 Kilometer bis zum Ablegesteg der Fähre, die erst um 17 Uhr startet. Zum Glück kommen wir gar nicht erst in Versuchung zu trödeln, denn zwischen uns und unserer Fähre liegt wieder mal ein lästiger Grenzübertritt. Dass hier normalerweise nicht allzuviele Touristen passieren, merken wir schon, als das Grenzbüro völlig ausgestorben ist, und die Beamten erst nach und nach aus den nebenan liegenden Häusern geschlappt kommen und die Rechner hochfahren müssen. Leider bedeutet das auch, dass den armen Männern hier totsterbenslangweilig ist, und zwei deutsche Motorradtouristen gerade recht kommen, um sich mit einer gründlichen Gepäckkontrolle den Tag zu versüßen. Diesmal wird wirklich jede einzelne unserer Taschen kontrolliert, bis hin zu Andreas Umhängetasche, der es gerade noch gelingt, den restlichen Käse vom gestrigen Abendessen in einer versteckten Innentasche verschwinden zu lassen (wir erinnern uns: nach Chile darf man keine frischen Lebensmittel einführen). Leider ist das, was beim Grenzübertritt an Lebensmitteln erlaubt ist – wie so oft – Auslegungssache. Ein Holländer erzählte uns, nachdem die Grenzer bei ihm einen Apfel im Gepäck fanden, musste er für den Apfel eine “Import-Deklaration” ausfüllen und durfte ihn anschließend mitnehmen. Wir hatten Pech: auf unserem Obst, das wir vor zwei Tagen in einem chilenischen (!) Supermarkt gekauft hatten, klebte sogar noch das chilenische Preisschild – egal, wir hatten die Wahl: an Ort und Stelle verzehren oder wegwerfen. Und so steht Andrea seelenruhig mümmelnd neben dem chilenischen Grenzer, der das Ganze grinsend überwacht, während die Kollegen weiter in unserem Gepäck schnüffeln.

Trotz dieser Verzögerung haben wir an der Fähranlegestelle des Sees noch so viel Zeit, dass wir beschließen, ein Frühstücks-Picknick zu machen. Leider ist unsere Lebensmittelauswahl etwas eingeschränkt, an dem See gibt es zwar einige Häusschen aber der kleine Kiosk hat leider geschlossen, nicht mal ein trockenes Brötchen gibt es hier zu kaufen. Was wohl unsere Freunde vom Zoll sagen würden, wenn wir mal kurz zu ihnen zurückfahren und frech fragen ob sie etwas Brot für unseren geschmuggelten Käse übrig hätten?

Die Zeit bis zur Ankunft unserer Fähre verbummeln wir in der Sonne und sitzen faul am See. Leider geht die Sonne momentan so früh unter (wir steuern hier ja auf den Winter zu) so dass wir die letzte Hälfte der Überfahrt im Dunkeln sitzen und von dem schönen See nicht mehr viel sehen. Schade, aber von der schönen Landschaft erleben wir am nächsten Tag noch genügend. Das Wetter ist uns nämlich freundlich gesonnen und bei strahlend blauem Himmel fahren wir wieder einmal an Seen und Wasserfällen vorbei und sehen bereits von weitem den Vulkan Villarica leuchten, der für Trekker ein besonders beliebtes Ziel ist, da man ihn vollständig erklettern und von oben in die Lava hinabschauen kann. Aufgrund der starken vulkanischen Aktivität in dieser Gegend gibt es unzählige heiße Thermalquellen, in denen man baden kann. Allein in der Region, die wir an diesem Tag durchqueren, hätten wir 12 verschiedene Thermen zur Auswahl. Und so haben wir uns für heute Pucon zum Ziel gesetzt, in dessen Nähe es eine Therme gibt, die wir von ein paar Chilenen besonders empfohlen bekommen haben, wir wollen schließlich auch mal einen Tag im heißen mineralischen Wasser aufweichen. In Pucon richten wir uns deshalb für drei Tage in einem gemütlichen Hostal ein, um neben den Thermas gleich noch ein bisschen die Umgebung zu erkunden.

Wiedersehen
26. April –
Als wir am folgenden Tag von einer kleinen Motorradtour zurück kommen, steht im  Hof des Hostals plötzlich ein alter Bekannter: Dirk mit seiner BMW Dakar, der vor wenigen Stunden hier eingetroffen ist. Dirk haben wir in El Calafate und El Chalten zweimal getroffen und seitdem gelegentlich E-Mails geschrieben, wo wir uns gerade aufhalten, für den Fall, dass unsere Wege sich wieder einmal kreuzen. Als wir Dirk am Tag zuvor geschrieben hatten, dass wir in Pucon angekommen wären, war er noch etliche Kilometer entfernt auf der anderen Seite der Anden. Wir haben wohl zuviel von unserer gemütlichen Unterkunft geschwärmt – jedenfalls ist Dirk mal kurz über die Berge geflitzt und hat sich spontan entschlossen sich im gleichen Hostal einzuquartieren wie wir.

Porentief sauber
27. April –
Das heiße Badewasser ruft! Am frühen Nachmittag brechen wir auf zu den etwa 30km entfernten “Thermas de Pozones” auf. Diese Thermas bestehen aus einigen felsigen Becken, in die das heiße vulkanische Wasser geleitet wird, so dass man auf großen Steinen im Wasser sitzen kann. Bei unserer Abfahrt ruft uns Dirk noch hinterher, dass er in eine halben Stunde nachkäme. Leider haben wir auf dem Weg wohl irgendwie das Eingangsschild der Thermas übersehen, denn nach einigen Kilometern Feldweg stehen wir plötzlich in einer Sackgasse. Vor uns ein verschlossenes Tor mit einem Schild “Aqui no hay termas!” – “Hier gibt es keine Thermen!”. Ups, das klingt irgendwie genervt, deshalb verkneifen wir es uns, auf diesem Grundstück jemanden nach dem Weg zu fragen, hier landen wohl öfter einige Irrfahrer. Auf dem Weg zurück, fahren wir in jeden Abzweig um jedesmal aufs neue vor einem verschlossenen Privatgrundstück zu landen. Irgendwo müssen sich diese Thermen doch versteckt haben. Wir witzeln schon, wann uns wohl Dirk auf dem Weg suchend entgegenkommt. Nachdem wir uns den Weg etliche Kilometer zurückgehangelt haben sehen wir an der Straßenseite – oh Wunder – das Eingangstor der Thermen. War das vorhin auch schon da? Peinlicherweise steht auch die Dakar von Dirk bereits auf dem Parkplatz – da bleibt uns blinden Eulen nur noch eins – verschämt im heißen Wasser versinken! Das heiße Bad ist so angenehm und wir liegen stundenlang faul in den felsigen Becken, bis es plötzlich dunkel wird und uns auffällt, dass wir sogar vergessen haben, wenigstens mal ein Foto unserer Badewannensauna zu machen.

28. April – Genug der faulen Tage, denn als nächstes steht die Hauptstadt Santiago auf unserem Programm. Die 870km bis dorthin sausen wir in zwei Tagen auf der mehrspurig ausgebauten Ruta 5 entlang, einem Teil der großen Panamericana. So ein berühmter Name hat natürlich auch seinen Preis, denn zum allerersten Mal auf unserer ganzen Reise müssen wir auch mit dem Motorrad Maut zahlen. In Uruguay und Argentinien wurde ein Motorrad nicht als vollwertiges Fahrzeug betrachtet, auf die gleiche Stufe wie Fahrrad degradiert und deshalb immer durchgewunken. Zwei Räder nutzen die Straße schließlich viel weniger ab als vier, jawoll! Am ersten Tag unseres Weges nach Santiago stellen wir sogar einen neuen persönlichen Tagesrekord mit 450 Kilometern auf.

Auf der Höhe von Conception sehen wir während unserer Fahrt aber auch immer noch die Schäden des Erdbebens vor zwei Monaten – eingestürzte Fußgängerbrücken, Risse im Asphalt, Erdrutsche. Da ist man mit den Aufräumarbeiten noch zugange. Als wir uns am 29. April schließlich Santiago nähern, haben wir das Gefühl, die Jahreszeiten im Zeitraffer zurückzudrehen, die Temperaturen steigen fast mit jedem Kilometer. In Santiago erwartet uns – obwohl Herbst – sommerliches T-Shirt Wetter, und so kommt für uns in Chiles Haupstadt richtiges Urlaubsfeeling auf. Aber von Santiago erzählen wir in der nächsten Geschichte…

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