Liebling, reichst du mir mal das Salz?

29. Mai 2010

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Salar de Uyuni, Bolivien: -20.333333, -67.700000
Iquique, Chile: -20.216700, -70.142223
28. bis 29. Mai 2010, vom Salar de Uyuni über die chilenische Grenze nach Iquique, Km 19226 bis 19727 unserer Reise
Der Salar de Uyuni ist der größte und höchstgelegene Salzsee der Welt. Eine unvorstellbar große Fläche von 120km Länge und 140km Breite ist mit der weißen Schicht bedeckt, die auf den ersten Blick aussieht wie eine Schneedecke. Hier, in einer Höhe von 3600 Metern üNN befindet sich der Grund eines ehemaligen Meeres. Das Meer ist seit tausenden von Jahren ausgetrocknet und zurück blieb nur eine Ebene aus Meersalz, die in alle Himmelsrichtungen bis zum Horizont reicht.

Wir schlafen in einem kleinen Ort am nördlichen Ufer des Salars, in Salinas de Garci Mendoza. Von hier aus brechen wir am 28. Mai ohne sperriges Gepäck zu einer Motorradtour auf den Salar auf. Irgendwo in der Mitte der Salzebene gibt es eine Insel, die Isla Incahuasi. Angeblich sind es von Salinas aus bis zur Insel nur etwa 50km. Ohne GPS wird es jedoch trotzdem ein schwieriges Vorhaben, denn wir haben keine gute Karte und kennen die genaue Himmelsrichtung nicht, in der von uns aus gesehen die Insel zu finden ist. Wir peilen mit dem Kompass die grobe Richtung an und fahren auf den Salar hinaus.

Am Rande des Salars erwartet uns jedoch zunächste einmal einige Kilometer Sandboden, der vom nächtlichen Regen noch feucht und voller Pfützen ist. Unser Motorrad mag Sand wohl lieber als wir, den es beschließt sich mal kurz wie ein Kamel im Sand zu wälzen. Ohne die Alukoffer, die das Motorrad so schön abfangen, büßen wir bei diesem Sturz einen Außenspiegel ein.

Sobald der lästige Sand langsam einer dicken Salzschicht gewichen ist, empfängt uns eine strahlend weiße, in der Sonne glitzernde Fläche, die immer wieder ihre Oberflächenstruktur ändert – hart und rauh wie grober Asphalt, in dem unser Motorrad nicht einmal Spuren hinterlässt, weich und pulvrig, Wabenmuster, knotige “Pickel” oder Plateaus aus Salz. Natürlich können wir es uns nicht verkneifen und kosten mal davon. Bald ist unser Motorrad und wir selbst mit einer Kruste aus aufgewirbeltem Salz überzogen, unsere Schuhe, Helme, alles starrt vor Salz. Die Isla Incahuasi bleibt uns jedoch verborgen, als wir nach guten 30 Kilometern nicht einmal etwas am Horizont erahnen können, lassen wir die Insel Insel sein und drehen wieder herum. Das war das erste und bisher einzige Mal, dass wir gerne ein GPS dabei gehabt hätten. Auf dem Rückweg dreht auch Andrea eine Runde auf der Salar-Ebene, schließlich muss man doch wenigstens einmal selbst Motorrad auf einem Salzmeer gefahren sein, oder?

Zurück im Hostal putzen wir das Motorrad erst einmal gründlich, um es von der dicken Salzkruste zu befreien, und Frank repariert die Bordelektronik, die Dank einer durchgebrannten Sicherung immer wieder Uhr und Tacho zurückgesetzt hat. A propos “brennen” – haben wir uns doch auf der gleißend weißen Salzfläche einen Sonnenbrand geholt wie im Skiurlaub…

Auf Irrwegen nach Chile
29. Mai –
Heute soll es nun endlich weitergehen nach Chile. Vom Salar de Uyuni aus wollen wir über die sogenannte Ruta Intersalar ein Stück nach Norden fahren – über einen zweiten kleineren Salzsee, den Salar de Coipasa, um anschließend auf die gut ausgebaute Straßenverbindung zum Colchane-Pass nach Chile zu stoßen. Es hätte zwar Pässe gegeben, die näher zu uns gelegen gewesen wären, aber wie wir erfahren haben ist der Colchane-Pass der einzige Pass der Umgebung, wo man die nötigen Fahrzeug-Formalitäten erledigen kann (wir brauchen für Chile ja wieder eine neue Einfuhrbescheinigung für unser Motorrad).

Die Route für heute haben wir uns von einer Karte in unserem Hostal abgeschrieben, denn in unserer Karte ist nicht einmal die Ruta Intersalar verzeichnet. Also haben wir uns akribisch die Ortsnamen in der Reihenfolge abgeschrieben, in der wir sie passieren müssten. Um 10 Uhr sitzen wir startbereit auf dem Motorrad. In Alcaya halten wir noch einmal an, weil man hier 5000 Jahre alte Mumien besichtigen kann. Die vorzeitlichen Bewohner haben ihre Toten in Felsnischen bestattet, die anschließend mit Steinplatten verschlossen wurden. Viele Gräber sind noch verschlossen, aber in etliche kann man hineinsehen, während die Totenschädel aus ihrer letzten Ruhestatt heraus zurück starren. Von den meisten Verstorbenen sind natürlich nur noch Knochen übrig, aber einige hat das trockene Wüstenklima so gut konserviert, dass die Haut und die Bekleidungsstoffe mit den bunten Webmustern erhalten geblieben sind. Es hat schon etwas gruseliges, zwischen all den Gräbern herumzuklettern und die Mumien an ihrem Fundort zu sehen, und nicht in einer Museums-Vitrine. Ein alter Mann aus dem Dorf führt uns herum und erklärt uns die archäologische Stätte, während sein Hund um uns herumwuselt. Allerdings scheint sich der Hund nicht für das Knochenparadies neben ihm zu interessieren – naja, vielleicht steht er einfach nicht auf Dörrfleisch…

Franks Kampf mit dem Sandmann
Von Alcaya aus geht es weiter auf unserer Intersalar-Route. Bis zur nächsten Station auf unserer Liste, Luca, ist die Strecke übersichtlich beschildert, so dass wir uns keine Sorgen machen, uns hier ohne Karte unseren Weg zu suchen. Doch kurz danach teilt sich der Weg, eine Fahrspur führt direkt auf den Salar, die andere ist mit Coipasa ausgewiesen. Wir folgen gutgläubig unseren Streckennotizen Richtung Coipasa. Ein Fehler wie wir viel später erst herausfinden, denn damit fahren wir einmal um den Salar herum, und benötigen statt 100km bis zur Pass-Straße über 190km. Hätten wir die Route quer über den Salzsee genommen, wären wir direkt in gerader Linie auf unser Ziel zu gefahren. Bald fehlt dann die Beschilderung völlig und wir fahren einfach auf Verdacht immer an der Küste des Salars entlang. Wie auch schon beim Salar de Uyuni bestehen die Randbereiche aus Sand, Sand, und nochmal Sand, durch den das Motorrad mehr schlecht als recht hindurchschlittert, während starke Windböen uns das krümelige Zeug unter den Helm fegen.

Wir kommen schließlich an ein Flüßchen mit schlammiger Uferzone. Eigentlich nicht mal ein Flüßchen sondern nur ein Bach, maximal 20cm tief. Der hat es aber in sich, denn gerade als wir dort ankommen, versuchen mehrere Fahrzeuge den Bach zu überqueren. Gerade ist ein Jeep in dem aufgewühlten Schlamm steckengeblieben, der von einem zweiten Fahrzeug mit Seilwinde wieder herausgezogen wird. Während wir noch nach der besten Fahrspur suchen, fährt sich prompt ein großer LKW fest, und Frank bleibt bei einem Wendemanöver zeitgleich mit dem Motorrad in der Uferzone stecken. Alles ziehen und schieben hilft nichts, das Motorrad steckt bis zu den Fußrasten fest. Wir laden unser ganzes Gepäck ab, um die Maschine leichter zu machen – nichts, das Motorrad bewegt sich keinen Zentimeter.

Irgendwann haben ein paar der Männer, die sich an dem festgefahrenen LKW abmühen wohl Mitleid mit unserem Elend. Zu fünft gelingt es uns schließlich, das Moto aus dem Schlamm zu heben. Wir schieben es an eine sichere Stelle und fangen an, unser Gepäck wieder Stück für Stück aufzuladen. Der LKW steckt derweil immer noch unrettbar fest. Beim Beladen haben wir allerdings die Tücken der Windböen unterschätzt: Andrea rutscht auf dem schlickigen Boden aus und sofort reisst ihr der Wind eine unserer Zeltplanen aus der Hand. So schnell konnte man gar nicht hinterher spurten wie die Plane vor unseren Augen davontrieb. Es war als verspottete uns der Wind, für jeden Meter, den Andrea der Plane nachrannte, wehte die nächste Böe sie zwei Meter fort. Irgendwann gab Andrea völlig außer Puste auf (wir sind ja immer noch auf rund 4000 Metern – mit Rennen ist es da nicht weit her). Frank fuhr dann kurzerhand mit dem Motorrad querfeldein der Plane nach und schaffte es tatsächlich, das sich wie ein Fallschirm im Wind trudelnde Ding einzuholen.

Inzwischen hatten uns die netten Bolivianer aus einer Seitenwand eines LKW eine Art Rampe gebaut, damit wir über den Schlamm fahren können. Das ist uns dann aber doch zu riskant – eine glatte, nasse Metallfläche, dazu von Schlamm verklebte Stollenreifen? Frank sieht uns schon kopfüber im Matsch stecken und verzichtet lieber, auch wenn das für uns weitere Umwege über sandige Pisten bedeutet.

Schließlich überqueren wir doch noch eine Ecke des Salar de Coipasa um unseren Weg etwas abzukürzen. Dort stehen teilweise richtige Wasserpfützen auf der Salzfläche und bald überzieht uns und das Moto wieder eine gleichmäßige Salzkruste und wir sehen aus wie fahrende Salzstreuer. Damit waren die zwei Stunden Motorrad putzen gestern also auch umsonst. Auf dem Salar sind viele Familien damit beschäftigt, das Salz abzubauen (offenbar verdienen die sich ihren Lebensunterhalt damit) und brechen mit der Hacke große Stücke aus der Salzkruste. Dort fragen wir uns nach dem Weg zur Pass-Straße durch. Nach fünfeinhalb Stunden erreichen wir dann endlich die Grenzstadt Pisiga, die letzte Station vor dem Pass nach Chile, die wir eigentlich schon vor guten 90 Kilometern erreichen wollten.

Die Einreiseformalitäten für Chile sind eine echte Qual, wir hatten ganz verdrängt, wie pingelig die Chilenen kontrollieren, dass man keine frischen Lebensmittel ins Land einschmuggelt. Das geht diesmal so weit, dass der Inspektor uns alle unsere Taschen vom Motorrad abladen lässt und durch einen Durchleuchter schickt wie am Flughafen. Da können wir ja von Glück reden, dass Salz nicht zu den verbotenen Gütern gehört, sonst hätte er uns wohl erstmal samt Motorrad mit dem Hochdruckreiniger abduschen können.

Eine Stunde später sind wir endlich fertig mit der Grenzprozedur und wollen nur noch endlich von dem Pass herunter. Nach dem Paso Colchane erwartet uns statt der erhofften Asphaltstraße, die uns schnell bis Iquique bringen sollte, eine Umleitung nach der anderen. Schön, wo wir doch schon so lange nicht mehr im Stockfinsteren über Feldwege gehoppelt sind – fast hätten wir es vermisst… Wenigstens geht der Weg stetig bergab. In nur 230 Kilometern fahren wir von über 4000 Metern auf Meeresniveau herunter, und von Minute zu Minute wird die Luft wärmer und feuchter.

Nach über 10 Stunden auf dem Motorrad erreichen wir gegen 21 Uhr endlich Iquique, eine Stadt zwischen Atacama-Wüste und Pazifikküste. Alles duftet hier nach Meer und Fisch und in der feuchtwarmen Luft verwandelt sich die Salzkruste auf uns und dem Motorrad in eine matschigklebrige Schicht (da steht für morgen wohl wieder Großreinemachen an). Vielleicht dauert es deswegen so lange bis wir eine Unterkunft mit einem Parkplatz fürs Moto finden, wir sehen aus wie zwei verlotterte Landstreicher. Wir suchen über eine Stunde, aber dann ist es geschafft und unser Idefix steht stolz und schmutzstarrend in der Rezeption eines Hostals direkt neben dem Gäste-Sofa während wir voller Heißhunger unser “Frühstück” vertilgen. Wir haben uns schon den ganzen Tag darauf gefreut, mal wieder ein paar typisch chilenische Hotdogs mit Avocadocreme zu essen. Das haben wir uns heute verdient!

Nun sind wir also für einen letzten Besuch in Chile angekommen…

Die restlichen Bilder von unserer Reise zwischen den Salzseen…

1 Kommentar zu „Liebling, reichst du mir mal das Salz?“

  1. Andrea schrieb am

    Herzlichen Dank für den schönen Bericht! Seid Ihr noch in Chile? Weiterhin gute und sichere Fahrt und viele Grüße, Andrea alias MizMolly vom Casa

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