In den Silberminen von Potosi und der weißen Stadt Boliviens

19. Mai 2010

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Villazon, Bolivien: -22.091111, -65.596111
Potosi, Bolivien: -19.572281, -65.755006
Sucre, Bolivien: -19.019585, -65.261961
16.-19. Mai 2010, von Villazon nach Sucre, Km 17169 bis 17692 auf unserer Reise
Es waren einmal zwei abenteuerlustige Hobbits, die fern von Gefährten und Heimat mutig durch wildes unwegsames Land reisten. Sie stiegen hinab in die finsteren Minen von Moria, in der Zwerge emsig Silber schürften, und besuchten die glorreiche weiße Stadt Gondor, die noch immer im Glanz früherer Zeitalter erstrahlte…

Halt! Moment! Falsche Geschichte… Die Hobbits heißen natürlich Andrea und Frank und bei den Minen von Moria handelt es sich um Potosis Silberbergwerke und anstelle Gondors stellen wir uns Sucre, die “weiße Hauptstadt” Boliviens vor…

Nun sind wir also in Bolivien angekommen, und müssen uns erst einmal an die Verhältnisse in dem für uns neuen Land gewöhnen. Bolivien ist das ärmste Land in Südamerika, und dementsprechend niedrig sind hier die Preise. In Bolivien ist Essen so günstig, dass selbst kochen definitv nicht lohnt, ein Hähnchenschenkel mit reichlich Beilagen (z.B. Salat, Reis, Pommes, Kartoffeln) kostet zum Beispiel umgerechnet etwa 1 Euro! Leider bedeutet das im Gegenzug aber auch, dass Annehmlichkeiten wie überall verfügbare Geldautomaten, WiFi-Internet und Waschmaschinen rar sind.

Von der bolivianischen Grenzstadt Villazon aus machen wir uns gleich auf den Weg ins Landesinnere nach Potosi. Vor uns liegen etwa 350 Kilometer und wir wollen vor der Weiterfahrt noch einmal Sprit auffüllen. In Bolivien hat der Sprit mit Glück gerade mal 85 Oktan, ist dafür aber spottbillig: 3,7 Bolivianos pro Liter, das sind etwa 40 Cent. Hier im Grenzgebiet ist er allerdings doppelt so teuer, damit will man wirkungsvoll Benzintourismus aus dem Nachbarland Argentinien unterbinden.

Der Mann von der Mautstelle kurz hinter Villazon kündigt uns fast durchgehend asphaltierte Strecke an, und wir freuen uns schon. Diesmal müssen wir allerdings erfahren, dass wir nun offenbar im “wahren Südamerika” angekommen sind, in dem einem die Leute genau das erzählen, was man hören möchte, und solche Ansagen mit Vorsicht zu genießen sind – es gibt zwar vielleicht eine durchgehend asphaltierte Straße, aber auf der darf man nicht fahren weil noch nicht offiziell freigegeben, stattdessen hoppeln wir die meiste Zeit grottenschlechte Umleitungen entlang. Die Maut war also eher als Kollekte zu betrachten, und wenn die Sammlung genug Geld einbringt wird die Straße vielleicht irgendwann einmal fertig.

Nach 4 Stunden haben wir gerade mal 120 Kilometer geschafft, aber irgendwann hat wohl der Asphaltgott Erbarmen mit uns, und wie eine Fata Morgana taucht irgendwann ein Stück von 60Km mit dem ersehnten Straßenbelag vor uns auf, so dass wir tatsächlich noch am selben Tag Potosi erreichen.

In den Minen
Über unser Hostal in Potosi haben wir für den folgenden Morgen eine Minenführung gebucht. Gleich früh um 9 Uhr startet die Tour, wir frühstücken noch schnell, dann werden wir grubentauglich ausstaffiert: Gummistiefel, Regenjacke, Überziehhose, Grubenhelm und – Lampe. Zuerst geht die Fahrt zum Markt, denn es ist Sitte, dass die Besucher den Minenarbeitern ein paar Geschenke mitbringen, beispielsweise Zigaretten, Koka-Blätter (Koka hat eine aufputschende Wirkung wie starker Kaffee und wird in Bolivien wie Kautabak konsumiert – die Männer sehen aus wie Hamster mit ihrer Backe voll mit den Koka-Blättern) oder sogar Dynamit. Frank bekommt leuchtende Augen als er die Kisten mit dem Dynamit sieht. Das alles ist frei verkäuflich, die Minenarbeiter bekommen ihr Werkzeug nicht gestellt, sondern müssen sich alles selbst kaufen, auch das Dynamit, weshalb es natürlich ein willkommenes Geschenk ist.

Danach geht es zum Minenberg Cerro Rico, in dem ca. 60 Kooperativen (Zusammenschlüsse von Arbeitern) zugleich schürfen. Der Berg dürfte inzwischen aussehen wie ein Ameisenbau. Einst hat es Potosi durch den Abbau von Silber zu Wohlstand gebracht, inzwischen sind die Preise auf dem Weltmarkt so gesunken, dass auch Zinn, Zink, Wolfram und andere “Nebenprodukte” gewonnen werden um den Verdienst zu sichern. Die 15 Männer der Gruppe, die wir besucht haben schürfen in zwei bis drei Tagen 12 Tonnen erzhaltigen Gesteins. Ein Arbeiter verdient mit dieser harten Arbeit in einer Woche etwa 70 Euro, natürlich auch immer abhängig davon was der Verkauf des Erzes einbringt. Einige der Arbeiter denen wir auf unserem Gang in die Tiefen des Berges begegnen, sind gerade mal 15 Jahre alt. Der Job des Minenarbeiters ist hart aber attraktiv für die Bolivianer, da man mehr Geld als in vielen anderen Berufen verdient. Eine Ausbildung für diesen Beruf gibt es nicht, man geht einfach zu einer der vielen Kooperativen und fragt, ob die einen Arbeiter benötigen. Gelernt wird dann “by-doing” von den älteren Arbeitern.

Die Gänge in den Minen sind dunkel, niedrig (man kann oft nur gebückt laufen und in den tieferen Ebenen auch nur kriechen), die Luft wird heißer und stickiger je tiefer man gelangt. Der Schacht, in dem wir unterwegs sind führt ca. 2km in den Berg hinein und in 6 oder 7 Ebenen etwa 700 Meter in die Tiefe. An Sicherheitsstandards ist nicht mal zu denken, die Wände sind durch einige krumme, teils schon geborstene Holzbalken abgestützt. Die Arbeiter sind abergläubisch und bitten “El Tio” um Sicherheit und erfolgreiche Funde. “El Tio” bedeutet im spanischen eigentlich “Onkel”, aber die Statue von El Tio, die die Arbeiter aus Lehm in der Mine errichtet haben sieht eher teufelsähnlich aus mit großen Hörnern. Dem Teufelsonkel werden regelmäßig Opfergaben dargebracht, zum Beispiel einige Kokablätter oder ein Schluck 96-prozentigen Alkohols (der wird tatsächlich pur getrunken). Auch wir bitten, als wir den Berg betreten, “Tio” um sicheres Geleit.

Zum Abschluß unserer Führung demonstriert uns einer der Arbeiter noch, wie das Dynamit präpariert und gezündet wird (davon haben wir auch ein kleines Video gedreht…).

So eindruckvoll die Minen selbst sind, die Stadt Potosi selbst ist keine Offenbarung, eine typische Industriestadt eben. Bei der Wahl unseres Hostals haben wir uns vermutlich in eine ehemalige Militärkaserne verirrt dessen Drill-Sergeant den Beruf gewechselt hat: Fürs Frühstück muss man an der Rezeption Märkchen holen (wird sorgfältig von einer Liste abgestrichen), Schlange stehen, bis man ein genau abgemessenes Tablett in die Hand gedrückt bekommt mit zwei Brötchen, 30g Belag und einem Kaffee aus aufgefülltem Konzentrat – Nachschlag? Fehlanzeige! Mehr als einen Kaffee pro Person gibt es nicht, alleine Franks vorsichtige Frage löst blankes Entsetzen beim Küchenpersonal aus! Internetzugang gibt es zwar, Skypen (Internettelefonate) allerdings ist verboten. Bei Zuwiderhandlung wird man 24 Stunden von der Internetnutzung gesperrt. Vermutlich sollten wir froh sein, dass man nicht noch 30 Straf-Liegestütze oder Latrinenputzen mit eigener Zahnbürste aufgebrummt bekommt…

Die weiße Stadt
19. Mai –
Von Potosi aus geht es weiter ins nahegelegene Sucre. Sucre ist eine von zwei Hauptstädten Boliviens (ähnlich wie zeitweise Berlin und Bonn) – Sucre ist die nominelle Hauptstadt, während in La Paz der Regierungssitz ist. Die Altstadt Sucres mit den zahlreichen, durchweg weiß getünchten und reich verzierten Kolonialgebäude ist von der UNESCO unter Schutz gestellt.

Auf dem Weg von Potosi nach Sucre kommen wir aber erst einmal in eine Polizeikontrolle: typisch südamerikanisch effektiv, ein Polizist hält die Radarpistole, ein weiterer die Stop-Kelle und der dritte wedelt mit dem Gesetzesbuch. Statt der erlaubten 80 seien wir 92km/h gefahren. Zum Glück belassen es die Polizisten aber bei einer Belehrung und fragen gar nicht nach Geld. Da hätten wir nämlich nicht gewusst, ob es sich um eine “echte” Geldbuße oder um Schmiergeld gehandelt hätte (Vielleicht lag es an Franks Gegenargument, dass unser Motorrad mit dem ganzen Gepäck UNMÖGLICH so schnell gewesen sein kann *hüstel*). Natürlich musste das Trio aber auch an der einzigen Straße der Gegend stehen, an der man überhaupt mal schneller als 50km/h fahren KANN.

Leider haben wir für Sucre nur einen Tag Zeit, und so ziehen wir gleich nach unserer Ankunft los zum Stadtbummel. Die günstigste Art, in Südamerika landestypisch zu essen ist eigentlich in allen Städten der Markt, wo es oft in einer separaten Etage kleine Kochstände gibt. Für eine Suppe und zwei Fleischgerichte plus Getränk zahlen wir zusammen weniger als 30 Bolivianos (etwa 3,50 Euro). Später entdecken wir noch ein gemütliches Café am zentralen Platz, von dessen Balkon aus man das Geschehen auf dem Platz schön überblicken kann. Dort werden wir gleich Zeuge von einer lautstarken Demonstration, in der eine Prozession von Lehrern höhere Gehälter fordert.

Damit neigt sich unser Tag in Sucre allerdings auch schon dem Ende zu, morgen geht es fort von den großen Städten nach Osten, ins Landesinnere – auf den Spuren von Che Guevara…

Zur Fotogalerie Bolivien…

1 Kommentar zu „In den Silberminen von Potosi und der weißen Stadt Boliviens“

  1. Jörg schrieb am

    Hallo Ihr beiden,
    habe Eure Seite durch den Bericht in Motorradabenteuer entdeckt. Ich war mit mehreren Leuten im März/April 2010 in Südamerika und einiges kommt mir sehr bekannt vor. So z.B. die Hoppelstrecke hinter Villazon, allerdings sind wir Richtung Tupiza gefahren, da fängt die Baustelle nach einiger Zeit auch an. Und eine Demonstration der Lehrer hatten wir auch, allerdings noch auf argentinischer Seite.
    Viele Grüße
    Jörg

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