Großstadtluft

7. Mai 2010

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Santiago de Chile (2): -33.469120, -70.641997
Vina del Mar: -33.024527, -71.552340
29. April bis 7. Mai 2010, in Santiago de Chile und Vina del Mar, seit 14555km unterwegs
Chiles Hauptstadt Santiago hat rund 6 Millionen Einwohner und ist damit noch einmal mehr als doppelt so groß wie Buenos Aires, das uns damals zu Beginn unserer Reise schon beeindruckt hatte. Santiago empfängt uns mit schönstem Sommerwetter und so sieht die Stadt mit den vielen alten Kolonialgebäuden gleich noch viel prachtvoller aus.

Santiago ist uns gleich symphatisch – auf das leidige Verkehrsgewühl, das einen hier wieder erwartet, trifft das allerdings nicht zu. Man könnte meinen, sämtliche 6 Millionen Einwohner wuselten gleichzeitig durch die Straßen. Zum Glück muss sich Frank nicht lange durch den Großstadtdschungel kämpfen, denn das Hostal, das wir uns zuvor im Internet herausgesucht hatten, war einfach zu finden. Auf die Frage nach einem sicheren Stellplatz für unser Motorrad wird Idefix kurzerhand zwei Treppenstufen hoch in die Eingangshalle bugsiert. Diesmal war es jedoch nicht ganz so einfach wie es klingt: die Tür war nicht viel breiter als unser Moto selbst, und die Stufen so ungünstig gelegen, dass wir zu dritt das schwere Motorrad mehr oder weniger die Treppe hochgetragen haben – Frank schob vorne am Lenker und Andrea und der Hostalmitarbeiter hoben das Hinterteil über die Stufen.

Unser Hostal ist diesmal sowieso eine Erfahrung für sich, was aber vermutlich an dem planlosen Menschen liegt, der für die Besitzerin auf das Hostal aufpasst. Der junge Mann ist neu dabei und fern von jedem Durchblick. Die Übernachtungspreise kennt er nicht, am ersten Tag erwidert er auf Andreas Frage nach dem Zimmerpreis 9000 Pesos (ca. 13 Euro), am nächsten Tag will er diesen Betrag plötzlich pro Kopf. Aber nicht mit uns, wir haben nämlich eine Internetseite vorzuweisen, auf der der Übernachtungspreis extra ausgewiesen ist. Diese Webseite (eine Hostal-Suchmaschine) zeigen wir ihm nun, und er ist einverstanden, dass wir den auf dieser Seite angegebenen Preis bezahlen. Beim Rechnen zwischen Euro und chilenischen Pesos vertut er sich dann noch im Umrechnungskurs, so dass wir noch einmal Geld sparen und bei knapp unter 10750 Pesos für das Zimmer landen, anstelle der 18000 die er zuletzt wollte. Auch mit der Technik scheint er so seine Probleme zu haben – uns wunderte, warum auf unserer oberen Etage im Bad kein Wasser verfügbar war. Seine Antwort, dass da auf der Straße das Wasser abgestellt worden sei, klang etwas seltsam, selbst für südamerikanische Verhältnisse, weshalb sollte die Stadt wohl nur einer Etage das Wasser abdrehen? Bis Frank dann einen Absperrhahn am Wasserboiler fand – ein Griff, Problem gelöst! Gut jemanden dabei zu haben, der auch bei den grenzdebilen Installationen hier den Durchblick behält.

Abends gehen wir noch ein wenig auf Erkundungstour und finden doch tatsächlich eine Shisha-Bar, in der Frank zum ersten Mal auf diesem Kontinent ein Wasserpfeifchen rauchen kann (In Südamerika heißt die Wasserpfeife übrigens “Hookah”). Neue Tabaksorten gibt es auch, zum Beispiel “7 Gewürze” die irgendwie nach weihnachtlichem Lebkuchen duftet. Zu kaufen haben wir die Teile schon öfter mal in einem Schaufenster gesehen, denn natürlich erreicht jede Modeerscheinung auch irgendwann mal Südamerika – ein fröhlicher Gruß an die Globalisierung!

In den nächsten drei Tagen bummeln wir durch die Stadt, die uns so gut gefällt, schauen uns den quirligen Plaza de Armas im Stadtzentrum an, auf dem jede Menge ältere Männer beim Schachspiel sitzen, Musikbands spielen oder  Ausstellungen stattfinden. Von einem Hügel aus, dem Cerro San Cristobal, hat man eine grandiose Aussicht über Santiago. Mit einer altertümlichen Kabelbahn fährt man zur Spitze dieses Hügels, auf dem außerdem noch einer Marienstatue thront. Santiago selbst verbirgt sich  schüchtern hinter einer Dunstglocke, die es einem unmöglich macht, das wahre Ausmaß dieser Stadt zu erahnen. In alle Himmelsrichtungen verschwinden die Gebäude am Horizont in dem Dunstschleier, so dass man kein Ende erkennen kann.

Während unserer Sightseeing-Tour kosten wir wieder einmal ein neues, chilenisches Getränk, das hier überall zur Erfrischung an Ständen verkauft wird. Es nennt sich “Mote con Huesillos” und geht schon fast als vollwertige Mahlzeit durch. Es besteht nämlich aus getrockneten Pfirsichen und Graupen, die man aufkocht und den gesüßten Saft dann eisgekühlt serviert. Die Pfirsiche und Graupen schwimmen noch in dem Eistee-ähnlichen Getränk und können mit aufgelöffelt werden. Danach ist man erstmal satt für die nächsten Stunden.

Am 2. Mai, unserem letzten Abend in Santiago, bummeln wir abends noch zum Viertel Bellavista, in dem es unzählige Bars und Kneipen gibt und genießen noch einmal Santiagos Nachtleben. In einer der Straßenkneipen kommen wir mit zwei chilenischen Motorradfahrern vom Nebentisch ins Gespräch. Der eine von beiden war sogar schon einmal in Deutschland und lebt und arbeitet normalerweise in Madrid. Es ist selten, einen Südamerikaner kennen zu lernen, der schon in Europa war. Für einen durchschnittlich verdienenden Chilenen entspricht ein Flug nach Europa nämlich mehreren Monatsgehältern und kommt deshalb für eine Urlaubsreise eigentlich überhaupt nicht in Frage. Es war aber auch interessant zu hören, dass viele anscheinend überhaupt kein Interesse an einer Auslandsreise haben und nicht einmal in einem der südamerikanischen Nachbarländer ihren Urlaub verbringen. Für uns Europäer ist das schwer vorstellbar, wie wenn bei uns jemand noch nie in Österreich oder Italien war…

Am nächsten Morgen, am 3. Mai, heißt es für uns Abschied nehmen von Santiago. Obwohl wir überhaupt keine Stadtmenschen sind, finden wir es schade, Santiago hinter uns zu lassen – diese Stadt war für uns so typisch südamerikanisch, mit den alten Gebäuden, bunten Märkten und dem unvermeidlichen Chaos auf den Straßen. Dass dieser Abschied nur von kurzer Dauer sein würde, ahnten wir noch nicht…

Valparaiso
Zunächst einmal fahren wir ins gut 120km entfernte Valparaiso an die Pazifikküste. Valparaiso ist zum einen eine internationale Hafenstadt und zum anderen von unserem Reiseführer für ihr urtümliches Stadtbild gepriesen. “Moloch” trifft es allerdings noch eher. Was in Santiago noch als geordnetes Chaos durchgeht, kann man hier nur noch als irrwitziger Wahnsinn beschreiben. Verwinkelte Straßen, die mitten am Berg plötzlich in einer Sackgasse oder einem Gewirr von Einbahnstraßen endet. Wenn man nicht gerade damit beschäftigt ist, sich hoffnungslos zu verirren, dann versucht man den tausenden Bussen auszuweichen, bevor man vom Weg abgedrängt und plattgefahren wird. Bereits nach einer halben Stunde hat Frank ein rotes Tuch vor Augen. Eigentlich wollten wir hier einige schon länger anstehende Sachen für unser Motorrad erledigen, aber nachdem wir erfahren, dass es nur wenige Kilometer weiter in Vina del Mar eine BMW-Motorrad-Niederlassung gibt hält uns hier nichts mehr.

Vina del Mar
Vina del Mar ist uns gleich viel symphatischer und vor allem …übersichtlicher. Innerhalb kürzester Zeit haben wir eine Unterkunft und laufen zu einer Adresse, die man uns als Tipp für günstige Motorradreifen genannt hat (Seit unserem letzten Reifenwechsel in Punta Arenas hat sich Idefix nämlich schon wieder die Sohlen durchgewetzt und unser Hinterrad hatte beträchtliche Ähnlichkeit mit einem Slick). Leider hat man dort keinen passenden Reifen vorrätig. Wir fragen uns zu mehreren weiteren Reifenhändlern durch, werden aber nicht fündig. Sogar das BMW-Verkaufshaus kann uns den neuen Reifen nur mit 15 Tagen Lieferzeit bestellen lassen, die verkaufen offenbar nur komplette Motorräder. Und schon wieder scheint es ein kleines Abenteuer zu werden, etwas simples wie einen Reifen zu kaufen (siehe unser Bericht von der letzten Reifen-Odyssee…). Zumindest können wir hier unser Motorrad gründlich überholen lassen und melden es gleich zur Inspektion an. Leider bekommen wir erst für Donnerstag einen Termin (heute ist Montag), so dass wir frühestens in vier Tagen weiterfahren können. Ärgerlich – aber nicht zu ändern! Das bedeutet für uns allerdings, dass wir unsere Route überdenken müssen, schließlich wollen wir in vier Wochen bereits in Arequipa (Peru) sein, wo wir Besuch von Franks Mama und seiner Schwester bekommen.

Durch die unfreiwillige Unterbrechung haben wir allerdings Zeit, im Internet nach einer Lösung für unser Reifenproblem zu suchen. Und tatsächlich finden wir die Webseite eines Importeurs für Metzeler Reifen (die Hausmarke für BMW-Motorräder) – und ratet mal, wo der Importeur seinen Firmensitz hat …richtig, in Santiago! Auf unsere E-Mail-Anfrage bekommen wir schnell Antwort, unser Wunschreifen ist sogar auf Lager. Kurz darauf sitzen wir schon auf dem Motorrad auf dem Weg zurück nach Santiago. Wer hätte gedacht, dass wir uns so schnell wiedersehen…

Unser neue Metzeler Karoo kostet in etwa so viel wie in Deutschland. Direkt neben dem Ladengeschäft lassen wir den Reifen aufziehen und sind überglücklich, dass wenigstens das nun erledigt ist. Da wir nicht mehr lange den Luxus von Asphaltstraßen genießen können (spätestens in Bolivien ist damit Schluß) haben wir uns diesmal für einen “echten” Stollenreifen entschieden.

Die restlichen Tage, bis unser Motorrad die Inspektion hinter sich hat, verbringen wir gemütlich, sehen uns Vina del Mar an (hier hat der chilenische Präsident sogar eine Sommerresidenz) und kümmern uns um die anderen leidigen Arbeiten eines Langzeitreisenden: Wäsche waschen und Ausrüstung flicken und ergänzen (der Baumarkt ist unser liebstes Shoppingziel).

Am 6. Mai können wir abends endlich unser Motorrad aus der Werkstatt holen. Den Preis für die Inspektion, stolze 196.000 Pesos (280 Euro – typische BMW-Preise eben, egal auf welchem Kontinent man sich befindet) handelt Andrea mit einem charmanten Lächeln und der Frage nach Barzahlungsrabatt noch einmal um fast 22.000 Pesos herunter. Leider legen wir das gesparte Geld gleich für unser Hotel wieder drauf. Schuld ist mal wieder ein Missverständnis – statt 10900 kostet das Zimmer 19000 Pesos. Da hat sich die “9” doch mal um eine komplette Stelle verirrt. Leider können wir das diesmal nicht so elegant lösen wie in Santiago. Dieses Erlebnis verleidet uns die Lust auf weitere Hostal- bzw. Hotelübernachtungen fürs erste. Ab jetzt wird wieder budgetschonend gecampt! Außerdem lockt das milde warme Herbstwetter und wir freuen uns auf die nächsten Motorradtouren…

Und hier geht es zu unseren Fotos aus Santiago und Vina del Mar…

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