Geschichten aus dem Wartezimmer

7. Oktober 2010

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Puerto Viejo, Costa Rica 9.658333, -82.752778
 18. September bis 7. Oktober 2010, Puerto Viejo an der costaricanischen Karibikküste, Tag 28 bis 48 in Costa Rica
Nun verbingen wir also seit dem 10. September unsere Tage an der Karibik und warten auf die benötigten Ersatzteile, um unser Motorrad wieder in Gang zu bringen, das momentan wegen eines winzigen kaputten Zahnrades an der Wasserpumpe außer Gefecht ist (wir berichteten…). Die Ersatzteile haben wir direkt bei BMW San José bestellt, wo sie für Ende dieses Monats erwartet werden.

Derweil haben wir uns im Rocking J’s Hostal in Puerto Viejo mehr oder weniger häuslich eingerichtet, wohnen in unserem gemütlichen Zelt, liegen unsere Hängematten durch und nutzen die Koch- und Waschgelegenheiten des Hostals – fast wie ein Sommer zuhause auf Balkonien… Wenn nur nicht die allwöchentlich einfallenden Horden amerikanischer Jugendlicher wären, die von Freitag bis Sonntag saufend und kiffend wie die Axt im Walde hausen, und Frank die allerschlimmste, überhaupt vorstellbare Grausamkeit antun: sie stehlen sein Bier! Man kann einem Mann doch nicht einfach sein Bier wegtrinken – besonders nicht, wenn er spätabends von einem Ausflug zurückkehrt und sich auf ein kühles Bierchen freut, und feststellen muss, dass seine allerletzte Reserve niederträchtig einfach aus dem Kühlschrank der Hostalküche entwendet wurde. Der Täter war, wie so oft, nicht mehr ausfindig zu machen, obwohl Frank das ganze Hostal nach einer Flasche mit der verräterischen Aufschrift “Frank” absucht, um den Schuldigen quasi in flagranti zu ertappen, und auf dem Hostalgrill auf kleiner Flamme zu rösten. Nun ja, die Rachegelüste verfliegen dann, als Montags mit der Abreise der tollwütigen Horde wieder die gewohnte träge Ruhe einkehrt…

Junges, dynamisches, reiselustiges Team sucht Beschäftigung
Womit verbringt man als Motorradreisender auf Zwangspause seine momentan überreichliche Freizeit (außer mit der Jagd nach Bierdieben)?

  • Man erschleicht sich im ortsansässigen Supermarkt eine Kunden-Sparkarte, die normalerweise nur für Personen mit festem Wohnsitz in Puerto Viejo herausgegeben wird (ist ein Zelt ein fester Wohnsitz?) …die Kassiererin konnte Franks Augenaufschlag wohl nicht widerstehen
  • Man wird Stammgast im angrenzenden Nationalpark. Jedoch haben wir auch nach drei Besuchen dort weder Faultiere, noch Wasserschildkröten, oder das angeblich dort vor der Küste liegende spanische Schiffswrack gesehen. Schildkröten gab es nur in Form von ein paar von den Rangern eingezäunten Nestern.

  • Man lernt die im Ort ansässigen Landsmänner – pardon Landsfrauen – kennen, in unserem Fall Sabine, die das Restaurant besitzt, das wir zu unserem Hochzeitstag entdeckt haben. Zwischenzeitlich sind wir dort jeden Freitag zum wohl leckersten Barbecue-Buffet der Welt und haben uns auch so ein bisschen mit Sabine angefreundet. Zusammen mit zwei anderen Deutschen, Michael und Martin, die ebenfalls ein paar Tage im Rocking J’s zelteten, haben wir mit Sabine einen unserer zahlreichen Ausflüge in den Nationalpark nebenan unternommen, und abends die Vorteile genossen, mit einer “Fast-Einheimischen” essen zu gehen …prompt konnten wir nämlich im Restaurant ohne die horrenden 23% Aufschlag für Steuer und Service essen gehen.
  • Man verabschiedet sich von seinen liebgewonnenen österreichischen Freunden, mit denen man Abend um Abend grillend und Karten spielend verbringt – die jedoch nach 10 Tagen schon wieder auf der Matte stehen, weil der Rest des Landes gerade im Regen absäuft und hier an der Karibikseite derzeit wohl das einzige Schönwetter-Fleckchen ist, wo es nur EINMAL täglich regnet. Vielleicht war aber auch das selbstgemachte Pfannkuchen-Abschieds-Frühstück, das wir für Melanie und Josi am Abreisetag gemacht haben soo lecker, dass nur Franks Kochkünste allein sie wieder hergelockt haben (der unangenehme Geruch, der sich gerade aus dem Bildschirm ausbreitet, könnte eventuell am Eigenlob liegen)

  • Gemeinsam mit der österreichischen Verstärkung frönt man anschließen zu viert dem Nichtstun, während Frank und Josi die perfekte Ausrede dafür für sich entdecken: Angeln. Nachdem die zwei beim Schnorcheln ein paar einheimische Harpunenfischer beobachtet haben, packt sie der Ehrgeiz, selbst mal den Grill mit einem selbstgefangenen Fisch zu bereichern. Flugs wird im Dorf ein bisschen Angelschnur und Haken besorgt, und mit Toastbrot und Wurst als Köder experimentiert. Leider fressen die Fische die milde Gabe nur dankend vom Haken, denken aber nicht daran, sich fangen zu lassen. Der einzige kleine Fisch den Frank fängt, taugt lediglich als Köderfisch für weitere vergebliche Versuche. Schade, müssen wir den Fisch fürs abendliche Grillen wohl doch beim Fischhändler im Dorf kaufen.

Aber, nebenbei bemerkt, wenn wir schon einmal vom Essen sprechen, ein “Backpacker-Kochduell” hätten wir hier wohl tatsächlich gewonnen. Auf Reisen machen sich die meisten nicht die Mühe, aufwendig zu kochen, da gibt es bequeme Gerichte à la Nudeln oder Reis mit Soße, das man auch in der schlecht ausgestattetesten Küche kochen kann, und die Zutaten gibt es auch im kleinsten Tante Emma Laden. In unseren Töpfen dagegen blubberten frischer selbstgemachter Milchreis mit Früchten, Apfelküchlein, Nudel-Fischpfanne, oder Rindfleischgulasch, und wenn wir die sehnsüchtigen Blicke in unsere Teller richtig deuten, hätten wir wohl jeden Abend etwas davon verkaufen können. Ein älterer amerikanischer Mann hat es doch tatsächlich fertig gebracht, sich zwei Wochen lang JEDEN Tag von Rührei zu ernähren, da das nach seiner eigenen Aussage das einzige ist, was er zubereiten kann *graus*

Costa Rica ist übrigens das erste Reiseland, in dem wir permanent mit zwei verschiedenen Währungen jonglieren müssen. Der US-Dollar breitet sich selbst in kleineren Orten so schleichend als Zahlungsmittel aus, dass Übernachtungspreise, Eintrittsgebühren und ähnliches zunächst mal ausschließlich in Dollar angegeben werden, und man extra betonen muss, dass man aber in der einheimischen Währung Colones zahlen möchte, woraufhin erst einmal umständlich der Taschenrechner ausgepackt wird um das ganze in die Landeswährung zurück zu rechnen. Dabei muss man dann noch jedesmal aufpassen, welcher Wechselkurs verwendet wird, damit man nicht plötzlich draufzahlt. Im Rocking J’s zum Beispiel zahlen wir unsere täglichen Kosten fürs Camping in US-Dollar (die wir alleine deswegen bei der Bank abheben) weil wir damit pro Tag rund 50 Cent sparen, und bei insgesamt 4 Wochen, die wir schließlich dort verbracht haben kommt da ein ordentliches Sümmchen zusammen.

So gegen Ende des Monats fragen wir dann doch mal bei BMW San José nach, wie es um unsere Ersatzteile bestellt ist. Man vertröstet uns bis zum Ende der Woche. Nun ist es aber inzwischen schon nicht mehr Ende September sondern bereits Anfang Oktober, und bei uns schleicht sich langsam der Lagerkoller ein. Vier Wochen faulenzen an ein und demselben Ort ist selbst uns langsam zuviel. Allzuviele tolle Ausflugsziele gibt es auch nicht in erreichbarer Nähe, und für ein paar Tage mit dem Bus wegzufahren haben wir uns auch nicht getraut, weil wir täglich auf die Ankunft der bestellten Teile gehofft haben. Als uns am 4. Oktober dann die Hiobsbotschaft erreicht, dass es Lieferschwierigkeiten gibt, und wir mit weiteren 15 Tagen Verzögerung rechnen müssen, reißt uns endgültig der Geduldsfaden. Eigentlich hätten wir ja misstrauisch sein müssen, was Lieferzusagen in diesem Land betrifft, aber wir waren wohl zu sehr von Chile und Uruguay verwöhnt, wo die Lieferzeiten taggenau eingehalten wurden. Eine kurze E-Mail nach Deutschland zu unserem heimischen BMW-Händler löst das Problem, binnen zwei Tagen machen sich die Ersatzteile auf den weiten Weg nach Costa Rica. Natürlich benötigt auch diese Sendung voraussichtlich eineinhalb Wochen über den Ozean, aber diesmal haben wir wenigstens die Gewißheit, unsere Teile anschließend tatsächlich in den Händen halten zu können und nicht wieder nur vertröstet zu werden. Ein riesengroßes Dankeschön ans Versorgungsteam BMW Stilgenbauer in Heppenheim!!!

Diesmal werden wir jedoch nicht untätig herumsitzen und weitere kostbare Reisezeit vertrödeln, sonst sterben unsere Hängematten noch den vorzeitigen Ermüdungstod. Nein, wir haben mal ganz spontan beschlossen derweil mit Melanie und Josi nach Kuba zu fliegen. Ja, ihr lest richtig: Kuba. Wir legen unsere Lateinamerikareise eben etwas großzügiger aus und beschränken uns nicht nur auf die Festlandstaaten. Damit überbrücken wir auch die miese Wetterlage, die derweil auf der Pazifikseite und im Hochland von Costa Rica herrscht und auch in den umliegenden Ländern für Schlammlawinen und unpassierbare Verkehrswege sorgt. Leider macht sich das El-Nino-Jahr bemerkbar und beschert Zentralamerika wieder einmal extremes Wetter. Melanie und Josi haben es bei ihrem kurzen Abstecher Richtung Pazifik selbst erlebt und berichteten von tagelangen ununterbrochenen Regenfällen. Bis wir zurück sind ist hoffentlich die Regenzeit vorbei und die Ersatzteile liegen schon bei unserer lieben deutschen Bekannten Sabine in Puerto Viejo, deren Postadresse wir verwenden dürfen. Idefix hat derweil auch in Sabines Garten ein sicheres Plätzchen gefunden.

So starten wir am 8. Oktober zu viert eine deutsch-österreichische Invasion in Havanna. Als Reisender muss man ja schließlich flexibel sein …viva la revolucion!

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