Einmal Dschungel und zurück – Urwaldparadies mit zwei Gesichtern

9. Juli 2010

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Yurimaguas, Peru: -6.474926, -76.361110
Iquitos, Peru: -3.743673, -73.251633
3. bis 9. Juli 2010, von Yurimaguas auf den Flüssen Huallaga, Maranon und Amazonas bis nach Iquitos und wieder zurück

So, nun sind wir also nach über 700 Kilometern Busfahrt am Rande des peruanischen Dschungelgebietes angekommen. Yurimaguas ist das letzte, über eine normale Straßenverbindung erreichbare Dorf. Ab hier geht es nur noch per Flug oder Schiff weiter. Unser Ziel, Iquitos, liegt von Yurimaguas Luftlinie 400km entfernt, stromabwärts etwa 2 Tage und Nächte mit dem Boot. Die unzähligen kleinen Flüsse im Umkreis vereinigen sich etwa 100 Kilometer vor Iquitos im Amazonas, der hier seinen Ursprung hat. Der Löwenanteil des täglichen Personen- und Güterverkehrs wird über “Lanchas” abgewickelt, die man sich als Frachtkähne mit Passagierdeck vorstellen kann.

Der Motorrad-Taxifahrer, der uns von der Busstation zum Hafen bringt, erzählt uns, dass bereits heute mittag zwei Lanchas Richtung Iquitos ablegen …besser hätten wir es nicht treffen können! Er fragt uns, ob wir zuerst noch etwas einkaufen müssen und hält noch schnell am Markt. Andrea wartet zusammen mit Gepäck und Fahrer beim Taxi während Frank derweil noch zwei Hängematten und ein paar Lebensmittel kauft. Dann geht es weiter zum Hafen. Dort werden wir sofort von den Lancha-Arbeitern angesprochen, die uns natürlich alle genau zu ihrem Schiff bringen wollen. Zwei sind besonders dreist und grabschen sich einfach von unserer Lebensmitteltüten und marschieren voraus zu ihrem Schiff, so dass wir keine andere Wahl haben als schnell hinterher zu spurten. Auf dem Schiff nehmen wir erst einmal wieder unserer Sachen an uns und lassen uns dann das Passagierdeck zeigen. Neben dem großen “Hängemattendeck” gibt es auch einige Kabinen, die man mieten kann. Im Vergleich zum Preis für einen Hängemattenplatz (60 Soles – ca. 17 Euro) sind die Kabinen mit 150 bis 250 Soles pro Kopf richtig teuer …und außerdem klein und stickig, also fällt uns die Wahl nicht schwer. Die “Eduardo IV” ist schon fast voll, aber zwei Plätze für unsere Hängematten sind noch frei, und kaum sind die Matten festgeknüpft, legt das Schiff auch schon ab – wenn das kein perfektes Timing ist!

Unsere beiden Rucksäcke und die Tüten mit den Lebensmitteln sichern wir mit einem Fahrradschloss um einen Pfosten hinter unseren Schlafplätzen. Auf jeder Seite unseres Decks sind etwa 12 bis 14 Hängemattenplätze, es gibt einen Raum mit ein paar Waschbecken und drei Duschen/WCs. Unter uns befindet sich noch einmal ein weiteres Passagierdeck, darunter dann der Laderaum. Im Preis für die Überfahrt ist auch Bordverpflegung enthalten, dreimal täglich Essen, meist in Form von einem Stück Hühnchen mit Reis, Bohnen und Kochbanane. Manchmal gibt es auch zur Abwechslung Suppe.

Im Gegensatz zu dem frischen Klima, das wir bisher an der Küste hatten, steigt das Thermometer hier tagsüber auf rund 35 Grad, dazu natürlich noch tropische Luftfeuchte. Nach wenigen Stunden fühlen wir uns schon so klebrig, dass wir gleich mal die Duschen auf dem Schiff testen. Entgegen dem, was wir vorher so gehört haben, scheint das Wasser sogar gereinigt zu sein, das braune Flußwasser findet nur noch für die Toilettenspülung Verwendung. Das kalte Wasser ist sooo erfrischend…

Nach Einbruch der Dunkelheit kühlt es nur langsam ab und es kommen noch jede Menge Käfer und Falter, die vom Licht des Bootes angezogen werden, die große Moskitoplage bleibt uns jedoch (vorerst) noch erspart. Das viele Fliegzeug ist aber vermutlich auch der Grund, warum bereits um 21 Uhr alle die Lichter ausschalten und sich schlafen legen. Trotz den anstrengenden letzten beiden Nächten liegen wir erst einmal hellwach in der Dunkelheit und zählen Schafe …halt, nein, die gibt es hier ja gar nicht, dann eben Spinnen *schüttel*

Auf dem Fluß zwischen Yurimaguas und Iquitos
4. Juli –
Bereits um 6 Uhr geht die Sonne auf und wir werden so früh wach, dass wir sogar mal einen Sonnenaufgang erleben. Wir haben – obwohl es ungewohnt war – richtig gut in unseren Hängematten geschlafen. Trotz der Tageshitze wird es in den späten Nachtstunden ziemlich kühl, aber ein Handtuch taugt schließlich auch als Zudecke, man ist ja flexibel.

Beim Frühstück machen alle um uns herum große Augen, als wir trotz der Bordverpflegung unsere komplette Kochausrüstung auspacken, Frank braucht schließlich seinen täglichen Kaffee. Das Schiffsfrühstück besteht nämlich aus einer Art “Suppe”, die aus irgendwelchen einheimischen Früchten gekocht wird und ein bisschen wie eine Mischung aus Kakao und Haferschleim schmeckt. So sitzen wir also mit Kocher, Benzinflasche, Espressomaschine und allem was man sonst noch so braucht in dem kleinen Aufenthaltsraum und kommen langsam ein wenig mit den anderen Reisenden ins Gespräch.

15 Leute auf unserem Deck sind ebenfalls Touristen, aus England, Holland, Belgien, Israel oder der Schweiz. Es ist aber auch ein Holländer dabei, der rund 3 Jahre in einem kleinen Dschungeldorf lebte und sich von einem Medizinmann in alternativen Heilmethoden unterrichten ließ (Pflanzenheilkunde usw.), und der nun wieder auf dem Weg nach Hause ist, um sein Studium abzuschließen. Der Rest sind Einheimische, wie zum Beispiel auch die Frau in der Hängematte neben uns, Gina, die gerade eine Ladung Orangen zu brasilianischen Grenze schippert um sie dort zu verkaufen.

Den Tag verbringen wir lesend und dösend in der Hängematte, von der man eine tolle Aussicht auf Fluß und Ufer hat. Exotische Tiere haben wir allerdings bis jetzt noch keine gesehen, obwohl es hier Flußdelfine geben soll, aber das kann ja noch kommen. In den Baumwipfeln sieht man manchmal eine Bewegung, vielleicht von einem Affen, oder in der Ferne ein paar auffliegende Grünpapageien. Immer wieder fahren wir an kleinen Dschungeldörfern vorbei – ein paar Hütten auf Stelzen mit Blätterdächern. An einigen legt das Lancha an, um Waren abzuladen. Dann kommen Frauen und Kinder an Bord um Snacks und Getränke zu verkaufen, zum Beispiel selbstgemachtes Eis aus unaussprechlichen Früchten, Fisch in Bananenblättern gegart, Maiskolben, gefüllte Teigtaschen und vieles mehr. Die Hitze verhindert allerdings, dass man viel Lust auf Essen hat.

Die Stadt im Dschungel
5. Juli –
In dieser Nacht legen wir in Nauta an, einem Ort direkt am Zusammenfluß des Rio Maranon und des Rio Ucayali. Ab hier sind wir nun offiziell auf dem Amazonas. Gina und etliche der anderen steigen bereits hier aus. Unsere eigen Ankunft in Iquitos ist für den Mittag angesetzt. Frank hat derweil schon beim Kapitän vorgehorcht, wann die “Eduardo IV” wieder aus Iquitos ablegt: laut Kapitän geht es am Mittwoch, also in zwei Tagen wieder zurück Richtung Yurimaguas. Der Rückweg dauert allerdings immer etwas länger, weil das Schiff gegen die Strömung fährt, so werden statt zwei Tagen dann eher drei benötigt. Wir fragen nach dem Frühstück beim Kapitän an, ob wir während der zwei Nächte Aufenthalt gleich auf dem Schiff bleiben dürfen, dann hätten wir zwei Tage Zeit um uns Iquitos anzuschauen und könnten mit dem gleichen Schiff wieder zurückfahren. Ihm ist das recht, so hat er gleich schon wieder zwei Passagiere für die Rückfahrt, er hat allerdings Bedenken, wegen unserer Sachen, denn solange das Schiff im Hafen liegt und täglich Leute darauf ein und ausgehen ist natürlich die Diebstahlsgefahr hoch. Er gibt uns eine der (momentan ja sowieso leerstehenden) Schlafkabinen, damit wir während dieser Zeit unser Gepäck einschließen können. Nett von ihm – damit sparen wir uns, mit unserem ganzen Zeug erst noch umständlich auf Hostalsuche zu gehen, hier haben wir schließlich alles was wir brauchen: unsere Hängematten, Dusche und Toilette, und verpflegen können wir uns auch selbst. Frank hat das Schiffsessen inzwischen sowieso schon satt, zum Glück haben wir uns ein paar Konserven und Brot mitgebracht.

Als wir dann pünktlich in Iquitos anlegen, bleiben wir seelenruhig in den Hängematten liegen, während alle von Bord stürmen. Erst als sich der Trubel gelegt hat und das Deck leer ist, lass wir uns den Schlüssel für unsere Kabine geben und räumen das Gepäck bis auf die beiden Hängematten hinein. Die Hängematten schließen wir zwischenzeitlich mit dem Fahrradschloß zusammen, damit sie niemand in unserer Abwesenheit abnimmt. Immer wieder kommen auch Verkäufer aufs Schiff, einer davon setzt Andrea eine kleine handtellergroße Wasserschildkröte auf die Hand, offenbar will er sie als Haustier verkaufen, 15 Soles, etwas mehr als 4 Euro will er für die Kröte. Wir lehnen ab, obwohl uns der Zwerg leid tut. Kaufen und freilassen ist keine Option, denn damit fördert man den Handel damit nur noch.

Schließlich verlassen wir auch das Schiff und lassen uns mit dem Motorradtaxi zum Stadtzentrum bringen. Dort suchen wir uns eine kleine Kneipe mit einem leckeren Mittagsmenü, kaufen ein paar neue Lebensmittel für die Rückfahrt ein, schreiben aus dem Internetcafé eine Nachricht nach Hause, dass wir nicht von Krokodilen gefressen wurden und informieren uns ein bisschen über Ausflugsmöglichkeiten für den nächsten Tag. Als wir uns dann wieder ein Taxi für den Rückweg suchen und dem Fahrer den Hafen nennen, an dem die Eduardo liegt, schaut er zunächst etwas komisch aus der Wäsche – so als ob es nicht wirklich eine gute Idee wäre, dort Touristen hinzufahren – erst als wir ihm erzählen, dass wir dort auf einem der Lanchas sind scheint er beruhigt. Zugegeben, Puerto Masusa macht wirklich einen ziemlich ärmlichen Eindruck, die Gebäude dort wirken eher wie baufällige Schuppen, überall streunen verlauste Hunde, um die Anlegestege herum Matsch und Müll… Als wir in einer der Hafenkneipen ein Bier trinken, warnt die Bedienung Frank auch noch, er solle sein Handy nicht so offen tragen, hier würde geklaut. Handy? Erst kapieren wir nicht, was sie meint, wir haben doch gar kein Handy – bis uns aufgeht, dass sie das Taschenmesser an Franks Gürtel meinte. Was uns allerdings in Iquitos bereits aufgefallen ist – die Stadt scheint der Transvestiten-Treff Perus zu sein, sogar in den Hafenkneipen laufen ziemlich auffällige “falsche” Frauen herum.

Unbehelligt und unberaubt bringen wir anschließend unsere Einkäufe aufs Schiff. Um unsere Hängematten herum sitzen gerade die Schiffsarbeiter und schauen fern (ja, auf unserem Deck gibt es auch ein Fernsehgerät, aber draußen auf dem Fluss natürlich ziemlich nutzlos, weil ohne Empfang). Spontan gibt Frank jedem von ihnen ein Bier aus seinem gerade gekauften Vorrat aus, es kann ja schließlich nicht schaden, die Mannschaft wohlwollend zu stimmen. Später als es bereits dunkel ist, verlassen wir noch einmal das Schiff und gehen im Hafenviertel an einem der Straßenstände etwas essen. Heute nacht sind wir ganz alleine auf dem Schiff, auf dem ansonsten leeren Deck baumeln nur unsere beiden Hängematten (…und diesmal löschen wir das Licht wenn WIR wollen, jawohl!)

Während wir am nächsten Tag morgens auf dem Schiff Frühstück kochen, erfahren wir von der Mannschaft, dass die “Eduardo IV” ganz un-südamerikanisch einen Tag früher als geplant wieder ablegen wird. Heute abend um 18 Uhr soll es schon wieder losgehen. Das passt uns gar nicht, bedeutet es doch nun ziemlichen Streß für uns heute, weil wir doch noch ein bisschen was von Iquitos sehen wollten. Noch glauben wir es auch noch nicht so ganz, weil ja bekannt ist, dass da gerne einfach mal das erzählt wird, von dem die Leute glauben, dass man es hören will. Sicherheitshalber trödeln wir aber nicht weiter herum, sondern machen uns auf den Weg in die Stadt.

Mit dem Motorradtaxi fahren wir zum Reservat/Park “Quistococha” außerhalb der Stadt. In Quistochoa kann man alle möglichen einheimischen Tierarten sehen und in der Mitte des Parkes gibt es sogar eine Lagune, in der man schwimmen oder mit Booten herumfahren kann. Dort sehen wir auch endlich einmal einen der Flußdelfine von nahem, sozusagen Auge in Auge. Es gibt auch jede Menge bunte, frei herumfliegende Papageien und natürlich auch Krokodile, Affen und Wasserschildkröten. Von Quistococha fahren wir weiter zum Markt im Stadtteil Belen. Wir gehen immer wieder gerne auf die bunten Märkte in den südamerikanischen Städten, dieser hier ist aber einfach nur abschreckend. In der tropischen Hitze gammeln Fleisch und Fisch vor sich hin und stinken, dass einem schier übel wird. Besonders schlimm für Andrea ist, das auf einem der Fleischstände die Reste einer bestimmt 40cm großen Waldschildkröte liegen, einer Art die noch dazu streng geschützt ist – da bleibt nur noch die Flucht, schnell weg von hier, das wollen wir uns nicht ansehen!

Vom Markt aus laufen wir zurück ins Stadtzentrum. Am Plaza de Armas gibt es ein Gebäude, das einst vom Erbauer des Eiffelturms für die Weltausstellung in Paris konstruiert wurde, bis es von einem wohlhabenden Kautschukbaron gekauft und nach Iquitos gebracht wurde. In einer Bar am Plaza sehen wir die beiden Schweizer von unserem Schiff wieder und schauen zusammen das WM-Spiel, das gerade übertragen wird. Nach dem Spiel beeilen wir uns, wieder zurück zum Hafen zu kommen, leider haben sich unsere Befürchtungen bestätigt – unser Lancha legt in wenigen Stunden wieder ab. Wenn man sich einmal auf die südamerikanische Unpünktlichkeit verlässt… Damit heißt es auch “Leb wohl”, morgiges Deutschlandspiel, denn dann werden wir bereits wieder mitten auf dem Fluß sein, fernab von jedem Fernseh- und Radio-Empfang!

Die verfrühte Abfahrt wundert uns um so mehr, als dass auf unserem Deck noch kaum Fahrgäste sind – wir können uns überhaupt nicht vorstellen, dass das Schiff fast leer zurück fährt. Die einzigen Touristen sind wir diesmal sowieso, denn alle anderen Reisenden, mit denen wir unterwegs gesprochen haben fahren die Strecke nur flussabwärts – zurück gehts dann mit dem Flieger. Neben uns schläft eine Familie mit zwei kleinen Kindern, auf der anderen Seite drei Männer. Einer davon bringt ein Kinderfahrrad und einen Papagei mit an Bord, wohl Mitbringsel für die Kinder zuhause. Langsam bekommen wir eine Vorstellung davon, wie alltäglich der Handel mit bedrohten Tierarten hier ist. Der Papagei knabbert die ganze Zeit an der Schnur um seinen Fuß und wir wünschen ihm heimlich, dass er das Teil bald durchgefressen hat und davonfliegen kann. Am nächsten Morgen sitzt der Papagei aber leider immer noch auf seinem Platz auf dem Kinderfahrrad, schade!

Unsere Kabine haben wir übrigens diskret behalten, das Schiff ist nicht mal annähernd voll besetzt und niemand hat den Schlüssel dafür von uns zurückgefordert, also freuen wir uns, dass wir weiterhin einen Platz haben, wo wir unsere Rucksäcke einschließen können.

Zurück auf dem Amazonas
7. Juli –
Als Frank sich morgens zum Frühstück wieder einmal auf unserem Benzinkocher seinen Kaffee kocht, sind die Kinder auf dem Schiff völlig fasziniert. Die Schar sitzt rund um Frank herum und beobachtet jeden seiner Handgriffe. Dem kleinen Mädchen von der Familie neben uns bietet Frank von unserer Milch an, und als sie schüchtern nickt, kramt Andrea noch einen Rest Kakaopulver dazu aus dem Rucksack. Anschließend sitzt die Kleine mit ihrem Bruder zusammen vor der Tasse und löffelt den Kakao mit Suppenlöffeln heraus.

Auf der anderen Seite des Decks entdecken wir inzwischen, dass zwei Männer einen kleinen Affen und einen Bottich mit kleinen Wasserschildkröten dabei haben. Wir wissen zwar im Moment nicht, wie die Gesetzeslage in Peru genau aussieht, können uns aber nicht vorstellen, dass der offenbar gewerbliche Handel mit bedrohten Tierarten hier erlaubt ist, selbst wenn es sich hier noch nicht um Export handelt. Deshalb versuchen wir unter der “Touristen-Tarnkappe” diskret Fotos von allem zu schießen. Wir haben zwar noch keine Idee, wie und wo wir das ganze anzeigen könnten, aber Fotobeweise können ja nicht schaden. Während Andrea an der Reling steht und fotografiert, interessiert sich der kleine Junge von nebenan für das faszinierende “Spielzeug” und will immer mit aufs Display gucken, was Andrea da gerade fotografiert. Er zeigt immer wieder auf Dinge, die Andrea für ihn fotografieren soll und schaut sich dann das Ergebnis an. Zwischendurch kommt auch seine kleine Schwester angetapst und bietet uns 2 Früchte an, offenbar hat die Mutter sie als Dankeschön für den Kakao damit zu uns geschickt.

Abends schließt Frank mit den drei Männern mit dem Papagei nähere Bekanntschaft, raucht mit ihnen eine Zigarre und lässt von unserem Rum herumgehen. Im Gegenzug bringt einer der Männer ein Getränk aus “Uva” an (das Wort bedeutet eigentlich Traube), das auch ein wenig schmeckt wie Met. Die Früchte die er uns allerdings dazu zeigt sehen eher aus wie rote Oliven und schmecken ganz und gar nicht nach Traube. Wärend Frank ein bisschen mit ihnen plaudert, äußern sie sich ein wenig überrascht, dass wir wohl die freundlichsten Ausländer seien, die ihnen bisher begegnet sind. Neben der Männergruppe hat noch ein weiterer Mann seinen Schlafplatz, der offenbar nicht zur Gruppe gehört. Er versucht dem Papageienbesitzer zu erklären, dass man Papiere braucht, um ein geschütztes Tier besitzen zu dürfen, generell scheint er sich damit ziemlich gut auszukennen und gibt sich wirklich viel Mühe, dem Mann das begreiflich zu machen. Der Papageienmann reagiert, als ob er zum ersten Mal etwas von Artenschutz hört, schaut etwas betreten drein und wir hegen die vage Hoffnung, dass er vielleicht nun etwas dazugelernt hat. Ein Irrtum, wie sich am folgenden Tag herausstellt…

Traurige Tierschicksale
8. Juli –
Morgens entdeckt Andrea zufällig, dass die Männer mit dem Affen und dem Wasserbottich mit den Wasserschildkröten noch ca. 30 weitere Wasserschildkröten in Kartons mit dabei haben. Den Kartons war nicht anzusehen, dass sie Tiere enthielten, bis Andrea zufällig dazuplatzte, als die beiden mit ihren Kartons neben der Toilette standen und die Wasserschildkröten unter der Dusche abbrausten, damit sie in der Tageshitze nicht austrockneten.

Im Laufe des Tages kommt unser Schiff an einer Art Sandbank im Fluß vorbei, auf der etliche Leute stehen und ihre Waren laut rufend in Richtung Schiff anpreisen. Ein Dorf ist allerdings nicht zu sehen. Wir bemerken mit Schrecken, dass die angepriesenen Waren vorwiegend aus lebenden Tieren bestehen. Eine Frau trägt zwei Wasserschildkröten kopfüber an einer Schnur baumelnd wie eine Handtasche über dem Arm, eine weitere hat eine große Waldschildkröte, die wie ein Päckchen auf dem Rücken liegend verschnürt ist und bringt sie an Deck. So finden auch drei weitere Papageien ihren Weg zu uns aufs Schiff, zwei davon hat der Unbelehrbare gekauft, der nach der gestrigen Moralpredigt noch so bedröppelt drein geschaut hat. Er erzählt Frank, dass er die beiden neuen Papageien für zusammen 30 Soles gekauft hat (8,50 Euro) und sie in der Stadt für 100 Soles das Stück (über 28 Euro) wieder verkaufen wird. Nun sitzen drei nervöse Vögel auf dem Kinderfahrrad. Den Menschen in den Dschungeldörfern kann man vermutlich nicht einmal einen Vorwurf machen, sie verkaufen alles, was sich irgendwie zu Geld machen lässt, egal ob es sich dabei um Tiere oder Früchte handelt. Aus Mitleid stecken wir den Tieren immer wieder etwas zu essen zu, Mandarinenstückchen oder Bananen für das Äffchen und als Frank den Papageien auf unserem Teller frisches Wasser anbietet trinken sie ganz durstig.

Uns nimmt das ganze ziemlich mit, wenn man sich vorstellt, dass allein auf unserem Lancha 4 Papageien, ein Affe und rund 40 Schildkröten transportiert werden und täglich mindestens 2 Lanchas diese Strecke fahren, macht das in einem Monat schon 240 Papageien, 60 Affen und 2400 Schildkröten, selbst wenn man mal großzügig nur die Hälfte der Menge annimmt wäre das schon schlimm genug. Den Tieren auf unserem Schiff können wir nicht helfen, es wäre schon ziemlich auffällig wenn morgen früh plötzlich sämtliche Tiere sich in Luft aufgelöst hätten… Da die Strecke stromaufwärts aus dem Dschungel hinaus offenbar ziemlich selten von Touristen genutzt wird haben wir hier vielleicht einen besonderen Einblick bekommen, der anderen Reisenden verborgen geblieben ist. Wir werden mal recherchieren, welche Tierschutzorganisationen man aufmerksam machen könnte, oder ob es vielleicht sogar eine Behörde gibt, wo man Meldung machen kann. Einhalt gebieten kann man dem Ganzen vermutlich sowieso nur, wenn die Lanchakapitäne mit empfindlichen Strafen belegt würden, wenn sie beim Transport geschützter Tierarten erwischt würden.

Kurz vor der Dämmerung bietet sich uns noch eine unerwartete Gelegenheit, wenigstens einem der Tiere zu helfen: Andrea steht mal wieder mit dem Fotoapparat an der Reling, in der Hoffnung, noch ein paar Flussdelfine vor die Kameralinse zu bekommen (von denen wir auf dem Rückweg übrigens etliche neben dem Boot schwimmen sahen), als sie aus dem Augenwinkel eine Bewegung in einer Ecke des Schiffsdecks wahrnimmt. Eine der kleinen Wasserschildkröten ist offenbar aus ihrer Kiste ausgebrochen und sucht nun verzweifelt einen Ausweg. Sie krabbelt an der Wand des Decks entlang, während die Schmuggler nicht weit davon entfernt Karten spielen, und offenbar noch gar nichts von dem Gezappel bemerkt haben. Andrea schiebt sich unnauffällig in Richtung der Schildkröte um einen Moment abzupassen, sich den kleinen Flüchtling zu schnappen. Dann lässt sie aber alle Vorsicht fahren, als der Zwerg sich gerade die Treppe zum Unterdeck hinunter stürzen will, hechtet hin und grabscht sich die Schildkröte bevor sie kopfüber ins Unglück stürzt. Dann geht es diskret wieder zurück zur Reling, die Schildkröte in der Hand verborgen …schneller Blick über die Schulter, offenbar hat niemand was gemerkt, die beiden Männer spielen immer noch Karten. Andrea winkt Frank zu sich und zeigt ihm den “Fund”. Frank steckt sich die Kröte in die Hosentasche und bringt sie herunter zum untersten Deck, wo er sie hinter dem Schiff in den Fluß plumpsen lässt. Die kleine Schildkröte dreht noch einen Salto und verschwindet zappelnd in den Fluten, wo Frank sie noch davonpaddeln sieht.

Als Frank das unterste Frachtdeck wieder verlassen will, sieht er in einer Ecke die große Waldschildkröte wieder – das arme Ding liegt auf dem Rücken immer noch verschnürt wie ein Paket, aber wenigstens lebt sie noch. Aber wer weiß wie lange noch, denn Landschildkröten, die zu lange auf dem Rücken liegen ersticken langsam, da die Organe auf die Lunge drücken. Als Andrea von Franks Entdeckung hört, schleicht sie sich auch noch einmal aufs Frachtdeck um die Schildkröte wenigstens vor dem Erstickungstod zu bewahren, auch wenn wir nicht wissen, welches weitere Schicksal ihr bevor steht. Am liebsten hätte sie die arme Schildkröte einfach mitgenommen, aber eine 40cm große, mindestens 10kg schwere Schildkröte steckt man nicht einfach mal so in den Rucksack… Das ist natürlich besonders hart für die Schildkrötennärrin Andrea, denn einer Geretteten stehen immer noch soviele gegenüber, für die sie nichts tun kann.

Für den nächsten Morgen ist unsere Ankunft in Yurimaguas angekündigt, bereits früh um 6 Uhr soll die “Eduardo IV” im Hafen anlegen, deswegen müssen wir uns – Tiere hin oder her – auch noch ums Packen kümmern. Als wir die Rucksäcke fertig gepackt noch einmal in unserer Kabine deponiert haben, und uns gerade schlafen legen wollten, merkt Frank, dass die beiden Tierhändler fort sind, und alle Kisten mit den Tieren unbewacht herumstehen. Inzwischen ist es auf unserem Deck stockfinster und alles schläft – alle bis auf wir und die bösen Männer. Zweimal geht Andrea geschwind an dem Schildkrötenwasserbottich vorbei und schnappt sich im vorbeigehen eine Kröte. Im Dunkeln wird von den Kerlen keiner zählen, dass es plötzlich zwei weniger sind. Die beiden Glücklichen finden auch schnell ihren Weg in die Freiheit des Flusses, hoffentlich landen sie nicht bald wieder im nächsten Fischernetz… Die letzte Aktion war eigentlich genau genommen Diebstahl, aber andererseits dürften die Tierschmuggler selbst die Schildkröten auch nicht besitzen (wer uns dafür kritisieren mag, darf gerne unten ein Kommentar schreiben).

Wir schlafen noch ein paar unruhige Stunden und sind bereits um halb fünf wieder wach, rollen unsere Hängematten zusammen und warten, dass das Lancha in Yurimaguas einläuft. Dort wird bereits ein Moto-Taxi auf uns warten, das uns zu unserem vorgebuchten Bus nach Tarapoto bringt. Netterweise konnten wir nämlich direkt über die Assistentin des Kapitäns die Busfahrt buchen, so dass wir nicht im Morgengrauen vor den (noch verschlossenen) Ticketagenturen stehen.

Als wir das Schiff schließlich verlassen, halten wir Ausschau, ob es am Hafen Polizei gäbe, denen wir bezüglich der Tiere einen Hinweis geben könnten, aber ehrlich gesagt haben wir unsere Zweifel, das sie überhaupt einen Finger rühren würden. Da muss man vermutlich an höheren Türen klopfen. Aber wenn nicht wir etwas tun, wer dann? Die Augen davor verschließen darf man nicht… Wir berichten weiter!

In der Fotogalerie gibt es noch mehr Bilder von unserer Woche im peruanischen Dschungel…

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