Das Land, in dem die Zeit stehen blieb

27. Oktober 2010

8. bis 27. Oktober 2010, 19 Tage Zwischenstopp auf Kuba
Kuba liegt ja bekanntlich nicht gerade auf der Durchgangsroute zwischen Argentinien und Mexico. Allerdings ist man als Motorradreisende ohne funktionstüchtiges Motorrad nun einmal gezwungen zu improvisieren. Wer hätte gedacht, wie sehr sich folgendes Zitat aus dem Einleitungstext dieser Webseite einmal bewahrheiten würde: “…Pläne sind bekanntlich dazu da, geändert zu werden. Wer weiß also, in welche Länder es uns verschlägt, und wann wir zum ersten Mal spontan beschließen, eine andere Route einzuschlagen. Wir werden sehen, welche Überraschungen dieses Abenteuer für uns bereit hält…” Nun denn, hier ist sie, die überraschende Änderung unserer Reiseroute…

Für uns galt es, die restlichen Tage zu überbrücken, bis die ersehnten Ersatzteile aus Deutschland ankommen, die uns nun schon soviel wertvolle Reisezeit gekostet haben. Unsere österreichischen Freunde Melanie und Josi dagegen wurden von anhaltenden Regenfällen von ihrer eigentlichen Route durch Panama und Costa Rica wieder zurück an die Karibik geschwemmt. Während wir also nun zu viert aus unterschiedlichen Gründen zum Nichtstun verdammt an der costaricanischen Karibikküste über unserer weiteren Reiseplanung brüteten, und eine Möglichkeit nach der anderen verwarfen, wurde während eines von ratlosen Internetrecherchen begleiteten Frühstücks mit einem “Hey, warum fliegen wir nicht zusammen nach Kuba?” dem Grübeln ein Ende gesetzt. Melanie und Josi waren sofort begeistert und so saßen wir nur vier Tage später bereits im Flieger nach Havana.

So unvorbereitet wie diesmal sind wir jedoch noch nie in ein Urlaubsland gestartet, ohne auch nur einen einzigen Reiseführer im Gepäck, lediglich mit ein paar spärlichen widersprüchlichen Informationen aus dem Internet. Die letzten Tage waren mit hektischer Vorfreude gefüllt, eine willkommene Abwechslung zu dem täglichen Trott, der sich bei uns während unserer Wartewochen eingeschlichen hatte. Wieder einmal sortierten wir einen Großteil unserer Ausrüstung aus, die hier im “Rocking J’s” Hostal zurückbleiben sollte, nur mit zwei kleinen Rucksäcken soll’s ins Land der Oldtimer und der Zigarren gehen. Mit zurück bleibt natürlich auch unser kreuzlahmes Moto, das es sich derweil bei unserer lieben deutschen Bekannten Sabine im Garten gemütlich machen darf.

Dieser karibische Inselstaat stand für uns schon länger auf der Reisewunschliste, ganz besonders für Frank, der gerade erst als Urlaubslektüre die Biographien von Fidel Castro und Che Guevara gelesen hatte und den innigen Wunsch hegte, Kuba noch vor Castros Tod und der danach unweigerlich folgenden Amerikanisierung zu erleben. Leider wurde ausgerechnet Frank, der sich wohl am meisten auf Kuba gefreut hat, der ungemütlichste Empfang bereitet.

Generell sind die Einreisekontrollen für Kuba ziemlich streng – jeder muss einzeln zu den Immigrationsschaltern und dämliche Fragen beantworten: “Was machen Sie auf Kuba?” – “Urlaub” – “Warum?”, dann geht es noch einmal durch Handgepäcks- und Personenschleusen, anschließend muss man ein Gesundheitsformular ausfüllen: “Hatten Sie in den letzten 14 Tagen Fieber/Halsschmerzen/Schnupfen/etc. oder Kontakt zu Personen, die diese Symptome aufwiesen?”, falls ja, muss man vermutlich drei Wochen im Quarantänezelt verbringen. Offiziell muss man für die Einreise auf Kuba eine gültige Auslandskrankenversicherung nachweisen, sowie pro Tag der geplanten Aufenthaltsdauer 50 Dollar auf einem Konto. Irgendwann während des zeitraubenden Procederes wurde Franks Pass einbehalten, und wir einfach immer weiter geschleust, mit der vagen Aussage, den Pass gäbe es am Ende zurück. Am “Ende” war nach der Gepäckausgabe, nach bestimmt einer weiteren Stunde Wartezeit, während wir mit noch ein paar weiteren Unglücksraben ratlos herumstanden, währenddessen ein Haufen Zollbeamter mit den Pässen in der Hand diskutierten und immer wieder kritische Blicke in die Runde warfen. Erst nachdem zwei Drogenhunde noch einmal am Gepäck vorbeigeführt wurden und Frank seinen Rucksack komplett ausräumen musste, erhielt er irgendwann seinen Pass wieder zurück.

Bei der Geldbeschaffung erleben wir noch am Flughafen, wie umständlich in diesem Land alles gehandhabt wird. Bekanntlich sind die USA und alles, was damit in Zusammenhang steht, in Kuba nicht gerne gesehen. Das bedeutet, dass beim Devisentausch zum Beispiel eine “Strafsteuer” von knapp 10% erhoben wird, wenn man in Kuba US-Dollar eintauschen möchte. Der Euro dagegen ist gerne gesehen, und kann gebührenfrei getauscht werden. Man muss jedoch nicht verstehen, dass beim Geldabheben mit deutschen (!) Kreditkarten, die kubanische Währung zunächst einmal in Dollar umgerechnet und (natürlich inklusive der Strafsteuer) dem deutschen Kartenkonto in US-Dollar belastet wird.

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Havana, Kuba 23.054070, -82.345189
 Soweit zu den Erlebnissen, die uns bereits am Flughafen erwarteten. Nachdem diese Hürden gemeistert waren, lassen wir uns mit dem Taxi Richtung Altstadt Havanas bringen, und beziehen dort zunächst für 3 Tage ein gemütliches Quartier, um Kuba und Havana insbesondere erst einmal ein wenig kennen zu lernen.

Die preisgünstigste Möglichkeit, in Kuba zu übernachten ist in den sogenannten “Casas particulares”, Häuser von Privatpersonen, in denen ein bis drei Fremdenzimmer vermietet werden. Der Preis für ein solches Zimmer beläuft sich auf umgerechnet rund 16 Euro pro Nacht. Das kubanische System führt auch hier wieder zu einigen skurrilen Situationen: die Vermieter der Privatzimmer müssen nämlich pro Zimmer und Monat eine fixe Steuer abführen, egal, ob das Zimmer vermietet wurde oder nicht. In der Nebensaison versteuern die meisten Casas particulares nur ein Zimmer, um das finanzielle Risiko gering zu halten. Als wir in den folgenden Wochen regelmäßig zu viert eine Unterkunft gesucht haben war das mehr als einmal ein Problem. Häuser mit zwei oder drei freien Zimmern, ohne einen einzigen Gast konnten/wollten uns nur eins der Zimmer vermieten. Was macht man aber nun, wenn man zu viert reist, und gerne zusammen wohnen möchte: einmal haben wir uns in zwei nebeneinanderliegenden Häusern einquartiert, die über das Dach verbunden waren, so konnten wir abends über die Dachterassen hin und zurück klettern. Außerdem führt eine sogenannte “Gastronomie-Steuer”, die jeder Vermieter eines Fremdenzimmers zwangsweise entrichten muss dazu, dass uns die Vermieter teilweise schon penetrant dazu überreden wollten, Frühstück und Abendessen bei ihnen im Haus einzunehmen, leider immer zu völlig überteuerten Preisen.

Zeitreise durch Havana
Während unseres ersten Erkundungsganges durch Havana ist unser wichtigstes Anliegen, einen brauchbaren Reiseführer aufzutreiben, sonst sitzen wir hier auf Kuba ohne die leiseste Ahnung, was es wo zu sehen gibt. Das Internet als Touristenguide scheidet nämlich leider aus, denn das steht uns in diesem Land schlicht und ergreifend nicht zur Verfügung. Kaum ein Privathaushalt verfügt über Internetanschluss, nicht einmal in teuren Luxushotels gehört Internet zur Grundausstattung. Internetcafés muss man mit der Lupe suchen, und falls man tatsächlich fündig wurde hat die Verbindung die Geschwindigkeit eines Modems zum Preis von 5 Dollar pro Stunde. Selbst im ärmsten Land Südamerikas, Bolivien, war die Internetzugänglichkeit um Längen fortschrittlicher. Glücklicherweise finden wir nach langem Suchen in einem Antiquariat einen gebrauchten Kuba-Reiseführer – wenn auch in spanischer Sprache, aber da wollen wir mal nicht zu anspruchsvoll sein.

Gleich am ersten Abend macht Frank auch die Bekanntschaft der überall anzutreffenden Zigarren-Schwarzhändlern. Mitten auf der Straße wird man im Flüsterton angesprochen, ob man Zigarren kaufen wolle, und ehe man sich versieht, sitzt man in einem Wohnzimmer, während nebenan die Oma eine Seifenoper schaut und bekommt mal mehr – mal weniger echte Zigarren vorgeführt. Manche sind ganz offensichtlich stümperhafte Fälschungen der bekannten Markenzigarren, manche halten auch einer kritischen Untersuchung stand und sind vielleicht irgendwo “vom Laster gefallen”. Natürlich will Frank im Mutterland der Zigarren auch Füllstoff für den heimischen Humidor erstehen – die Kunst besteht darin, die echten Schnäppchen vom schlechten Kraut zu unterscheiden. Die ersten drei zur Probe gekauften Zigarren entpuppten sich leider als letzteres, aber Frank hat ja noch fast drei Wochen Zeit…

Bevor wir zu unserer Rundreise durch Kuba aufbrechen, verbringen wir noch weitere zwei Tage in Havana, dessen Altstadt wirklich einen ganz eigenen Charme besitzt. Die Gebäude zieren Stuckornamente und kunstvoll verschnörkelte Balkongeländer mit leuchtend bunten Blumenkästen. Leider bedürfen all diese Gebäude dringend einer sich kümmernden Hand um den abbröckelnden Putz oder die verblassten Farben zu richten. Dennoch kann man sich kaum satt sehen an den vielen schönen Fotomotiven. Man wünscht sich, ein paar Jahrzehnte in der Zeit zurückreisen zu können, um die Stadt in ihrer frischen Pracht erleben zu können.

Nicht nur die Gebäude sehen aus, als seien sie seit den 50er oder 60 Jahren unverändert gelassen, in den Straßen tummeln sich Pferdekutschen neben Oldtimern (die leider ebenfalls eine frische Schicht Lack vertragen könnten). Der Paseo de Marti ist gesäumt mit Malern, die ihre Kunstwerke feil bieten, während man gleichzeitig noch bei deren Entstehung zuschauen kann. Einen Spaziergang wert ist auch der Malecon, die Küstenstraße Havanas, wo am Nachmittag bei schönem Wetter halb Havana zu sitzen scheint, angelnd, in der Sonne dösend, essend, schwatzend.

An unserem zweiten Tag in Havana lernen wir nun auch zum ersten Mal das verwirrende Zwei-Währungs-System von Kuba kennen. Auf Kuba werden parallel zwei verschiedene Währungen mit unterschiedlichen Münzen und Banknoten verwendet: der Peso Convertible, die übliche Touristen- bzw. “Luxus”währung, und den Peso Nacional, die Währung der Einheimischen. Die Kunst ist, zu erkennen, wo in welcher Währung bezahlt wird, um nicht versehentlich richtig draufzuzahlen, denn der Peso Convertible steht zum Peso Nacional im Verhältnis 1:24. In der Touristenbranche wird eigentlich immer in Convertibles ausgepreist, auch in Supermärkten und großen Ladengeschäften. Auf Märkten dagegen oder kleinen Straßenständen wird in Nacionales bezahlt. Schwierig wird es dann schon wieder bei kleinen Restaurants oder Kneipen. Wenn man als Fremder nicht genau aufpasst, zahlt man mal eben versehentlich das 24-fache, wenn man zur falschen Münze greift, oder nicht vorher genau nachfragt, welche Währung nun eigentlich gerade gemeint ist. Natürlich steht der Abzocke dabei Tür und Tor offen. Der Kubaner geht gemeinhin davon aus, dass man als Tourist von diesem Durcheinander überfordert ist und nennt einem gerne mal seeeehr großzügig umgerechnete Preise. Wenn man dann am Marktstand steht, ein paar Bananen kaufen will und keine Nacionale Währung hat, ist man der Dumme, dann zahlt man für die Bananen mal schnell mehr als das dreifache, weil die Marktfrau statt 7 Peso Nacionale plötzlich einen Convertiblen (24 Nacionale) haben will.

Manchmal hatten wir diesbezüglich das Gefühl, dass man uns wirklich für dumm und leichtgläubig hält. In einem kleinen Straßenrestaurant mit Preisen in Einheimischenwährung beispielsweise konnten wir zu einer anderen Gelegenheit anhand der Speisekarte den Rechnungsbetrag unseres Essens genau ausrechnen – in diesem Fall 52 Peso Nacionale. Die Bedienung legte uns dann am Ende einfach einen Zettel hin, auf dem 9 Convertible ausgewiesen waren, was ganzen 216 Peso Nacionale entsprochen hätte! Die Differenz hätte sie sich dann in die eigene Tasche gesteckt, bei den dummen Touris kann man es ja probieren. Wir haben einfach nachdrücklich darauf bestanden, eine Rechnung in Nacionales zu bekommen, und plötzlich waren es dann wieder nur 52 Peso!

So braucht man sich nicht zu wundern, dass Kuba den Ruf hat, ein teures Reiseland zu sein. Wenn man sich allerdings nicht solcherart übers Ohr hauen lässt und aufmerksam auf die Möglichkeiten achtet, in der preiswerteren nationalen Währung zu essen und einzukaufen, kann man günstig leben: eine kleine Käsepizza für 5 Nacionales (ca. 16 Cent), ein Gläschen kubanischen Rum für 3 Nacionale (ca. 10 Cent)

Am nächsten Tag organisieren wir uns in Havana einen Mietwagen, für vier Personen definitiv die günstigste Variante, Kuba zu bereisen, und starten am darauf folgenden Tag zu unserer kleinen Rundreise durchs Land. Unsere Route führt uns durch Trinidad, deren historischer Stadtkern von der UNESCO als Weltkulturerbe ausgezeichnet wurde, auf Kubas nördliche Key-Inseln “Jardines del Rey” (“Gärten des Königs”), deren Strände mit weichem weißen Sand und warmem türkisblauem Wasser jede Postkarte zieren könnten, danach die Südküste entlang, über baufällige Brücken und weggespülte Straßen bis nach Santiago und weiter in den äußersten Osten Kubas, rund um Baracoa mit üppiger grüner Vegetation und Kakaoplantagen, zurück über geschichtsträchtige Orte wie Guantanamo, Santa Clara und der berühmten Schweinebucht und bis zu den Tabakanbaugebieten im Westen Kubas.

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Trinidad, Kuba 21.796034, -79.980814
 Andere Städte, andere Menschen
Es ist interessant zu sehen, wie sehr sich die Mentalität der Menschen von Stadt zu Stadt unterscheidet. In manchen Städten, so auch in Trinidad, empfanden wir die Menschen als so unangenehm aufdringlich, dass wir am liebsten direkt aus der Stadt wieder hinausgefahren und das Weite gesucht hätten. Fahrradfahrer verfolgen unser durch die Straßen rumpelndes Mietauto, um während der Fahrt an die Seitenscheiben zu klopfen und uns irgendeine Unterkunft aufzuschwatzen. Sobald man zwecks Orientierung an irgendeinem Straßenschild stehen bleibt, stürmen mindestens fünf Menschen auf unseren Wagen zu und reden von allen Seiten auf uns ein. Sogar wenn man zu Fuß durch die Straßen bummelt hat man keine Ruhe, abends um zehn Uhr, wenn man wohlgemerkt kein Gepäck bei sich hat, ruft man uns “Hotel?” “Hotel?” hinterher. Klar, natürlich hab ich abends um zehn noch keine Unterkunft und warte nur darauf, mit jemandem, der mich von der Seite anquatscht mitzugehen *argh*.
(Übrigens, Trinidad war nebenbei bemerkt nicht besonders hübsch, der Stadtkern besteht zwar aus netten, verwinkelten, kopfsteingepflasterten Gässchen mit einer bunten Kirche im Zentrum, ein Weltkulturerbe haben wir uns jedoch ein bisschen spektakulärer vorgestellt…)

Zum Glück gibt es auch die anderen, freundlichen und unaufdringlichen Menschen, wie zum Beispiel den Mann, der am Straßenrand Bananen verkauft, und Frank, als er statt einer ganzen Staude nur eine Handvoll Bananen kaufen möchte, die Früchte einfach schenkt …oder aber den Mann der uns behilflich ist, als wir von einer Telefonzelle aus unsere Autovermietung anrufen wollen, und der uns, als unsere Münzen nicht akzeptiert werden, einfach sein Telefonguthaben zur Verfügung stellt (und Frank anschließend noch einen Blick unter die Haube seines Oldtimers werfen lässt). In Baracoa im äußersten Osten Kubas beispielsweise konnten wir stundenlang quer durch die Stadt spazieren ohne dass man uns etwas aufnötigen wollte. Je weiter man sich von den üblichen Touristenzielen entfernt, um so entspannter wird das Verhalten der Kubaner Fremden gegenüber wieder. Auch wenn man sich in den ganz ländlichen Gegenden fast wieder wie ein Außerirdischer beäugt fühlt, da es anscheindend nur selten Touristen in die abgelegenen Dörfer verschlägt.

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Cayo Coco, Kuba 22.509013, -78.406973
 Karibische Strandträume
Von Trinidad aus führte uns unser Weg nach Norden zu den “Jardines del Rey”, ein Streifen vorgelagerter Key-Inseln, die über einige Dämme direkt mit Auto zu erreichen sind. Hier wollen wir einen Strandtag einlegen. Die Keys sind fast vollständig in der Hand der großen All-Inclusive-Hotelketten. Auf Individualreisende ist man überhaupt nicht vorbereitet. Auf den ganzen Keys gibt es keine vernünftige Möglichkeit, Lebensmittel zu kaufen, lediglich in einem Tankstellenshop gibt es ein paar Getränke, Süßigkeiten und Knabbereien (die jedoch glücklicherweise dank der landesweit gültigen kubanischen Einheitspreise auch nicht teurer sind als auf dem Festland). Nicht einmal ein einfaches Frühstück ist hier zu bekommen, kein Brot, kein Gebäckstück. Dann geht es eben ohne Frühstück zum Strand – mit vollem Magen soll man ja sowieso nicht schwimmen gehen.

Wir sind ja nun schon viel in der Welt herumgereist und Kuba ist auch nicht die erste karibische Insel, die wir besuchen, aber dieser Strand, Playa Pilar auf der Insel Cayo Guillerme, zählt ohne Zweifel zu den allerschönsten, die wir je gesehen haben. Der Strand fällt so seicht ins Wasser, dass man meterweit hineinlaufen kann und trotzdem nur in hüfttiefem, kristallklaren Wasser steht, während kleine bunte Fischlein um uns herumschwimmen. Wenn nur die lästigen Moskitos nicht wären, die es dank der Mangroven hier zu tausenden gibt. Nach Einbruch der Dämmerung muss man vom Zimmer zum Auto rennen, um nicht bei lebendigem Leibe verspeist zu werden.

Brückenszenarien
Von den “Jardines del Rey” kreuzen wir einmal quer durch Kuba Richtung Süden und nähern uns über eine Küstenstraße zwei Tage später Santiago. Die Aussicht entlang der Strecke ist malerisch, der Zustand der Straße stanzt dagegen schreckensverzerrte Mienen in unsere Gesichter. Das Alter des Straßenbelages ist vermutlich mit dem der Oldtimer im Lande zu vergleichen. Das Meer hat an manchen Stellen die Straße bereits soweit unterspült, dass die äußere Fahrspur stückweise herausgebrochen ist. Die erste Brücke, die uns begegnete, hielten wir für einen schlechten Witz, der mittlere Brückenpfeiler gebrochen und die Brückendecke zur Seite eingeknickt. Umkehren würde bedeuten, 150 Kilometer zurückfahren zu müssen. Zunächst vermuteten wir eine Umleitung durch eine Flussfurt, die wir uns dann mit unserem Kleinwagen ohne Allrad nicht zu fahren getrauten. Also Augen zu und drüber, Fuß aufs Gas und bloß nicht stehen bleiben, damit das Ding hinter und nicht unter uns zusammenbricht. Bei den nächsten zwei Brücken wiederholte sich der haarsträubende Anblick, man sollte mal den deutschen TÜV mit einem Laster Dynamit vorbeischicken.

Sobald man sich jedoch Santiago nähert, bessert sich der Straßenzustand mit jedem Kilometer. Santiago ist jedoch nur ein Übernachtungsstation für uns auf dem weiteren Weg in den Westen bis nach Baracoa. Die Gegend dort wirkt ländlich und auf ihre Art ursprünglich karibisch mit dichtem grünen Palmwald, bunte Holzhäuser mit Schweinen, Hühner und Ziegen im Garten, Kakaobäumen und Buchten mit Sandstränden. Hier wird die lokale Baracoa-Schokolade produziert und verkauft. Man kann sich kaum vorstellen dass Baracoa einmal Hauptstadt Kubas war. Ein Kreuz, dass einst Kolumbus bei seiner Landung errichtete ist heute noch zu besichtigen. Die Landschaft rund um Baracoa ist durchzogen von Flüssen, der größte davon ist der Rio Toa – während einer Kanufahrt kann man vom Fluss aus etliche der hier beheimateten Pflanzen und Tiere sehen, Mango-, Kakao- oder Mandelbäume, Vögel, oder auch mal ein badendes Hausschwein.

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Baracoa, Kuba 20.348611, -74.510556
 Die Suche nach dem Ei
In Baracoa hatten wir zum ersten und einzigen Mal eine Unterkunft mit der Möglichkeit selbst zu kochen. Leider scheiterte das enthusiastische Vorhaben an der Beschaffung von Lebensmitteln. Wir sind nun schon seit mehr als 9 Monaten auf Reisen und haben in jedem noch so winzigen Bergdorf in den Anden einen Tante-Emma-Laden gefunden, in dem man zumindest die wichtigsten Grundnahrungsmittel erwerben konnten. In Kuba ist das alles ein wenig anders. Supermärkte gibt es selbstverständlich, jedoch sind die Regale oft leer bis auf ein paar wenige Konservendosen. Milch beispielsweise haben wir nur in Havana gesehen, importiert aus Tchechien für über 2,50 Dollar pro Liter. In Baracoa wiederum suchten wir vergeblich im Supermarkt nach etwas Wurst und Käse fürs Frühstück. Nach viel Herumfragen wurden wir zur Tankstelle geschickt und standen zweifelnd in deren Schnellimbiss, bis wir uns verschämt zu fragen trauten, ob man hier tatsächlich Wurst und Käse kaufen konnte. Man konnte! Allerdings nur inoffiziell und unter der Ladentheke wie schlimmste Hehlerware.

Als wir zu anderer Gelegenheit unsere Vermieterin fragten, wo man in Baracoa Zwiebeln kaufen könne, brach die Dame in schallendes Gelächter aus. Zwiebeln habe man hier schon seit einem Monat keine. Der letzte LKW, der eine Ladung bringen sollte hatte stattdessen nur Knoblauch an Bord, nun müsse man warten bis wieder mal einer vorbeikomme.

Frank hatte außerdem die Idee, zum Frühstück mal wieder Ei essen zu wollen – wiederum eigentlich ein überall verfügbares Grundnahrungsmittel. Dass der Supermarkt keine Eier im Sortiment hat, haben wir schon festgestellt. Da aber in den umliegenden Dörfchen in jedem Vorgarten Hühner gluckten, hatte Frank die naheliegende Idee, doch einfach mal direkt bei einem der Bauern nach ein paar Eiern zu fragen. Überall wurde er mit leeren Händen fortgeschickt und schmiedete schon Pläne eins der Gackerviecher zu kidnappen, bis es ihm das gewünschte Frühstücksei legt. Die endgültige Ernüchterung folgte am nächsten Morgen, als Frank zufällig sah, wie ein Mann kistenweise Eier an einen Laden lieferte. Leider wollte der Ladeninhaber dem armen Frank kein einziges davon verkaufen – Eier gibts nur gegen Vorlage von Lebensmittelmarken. Nun fühlte sich der um sein Frühstücksei Betrogene vollends in seine DDR-Kindheitserinnerungen zurückversetzt (da gab es allerdings wenigstens Eier).

Auch wenn das mit dem Kochen ein frommer Wunsch war, verhungern muss hier natürlich niemand. In Baracoa hat es gleich mehrere Restaurants für die Einheimischen, wo man preiswert gegen die günstige Nationale Währung essen gehen kann. Zum Beispiel gibt es dort Lammfleisch in Soße mit Reis und Gemüse für umgerechnet nicht mal 1,20 Euro pro Portion. Leider ist das Bier dort inflationär teuer. Am Vortag zahlte Frank noch 10 Peso Nacionale für eine Flasche, diesmal waren es schon 15 Peso. Trotzdem reden wir hier von etwa 50 Cent, also ärgern wir uns nicht wirklich über die Willkür. Fürs echte kubanische Feeling spielen noch ein paar alte Männer Musik à la “Buena Vista Social Club” auf der Gitarre.

Geschichtsstunden
Während unserer drei Tage dauernden Rückfahrt aus dem Osten in Richtung Havana steht ein wenig Geschichte auf dem Programm. Unser Besuch in Guantanamo war leider nicht so erfolgreich wie gehofft. Vom gleichnamigen Ort sind es noch einmal knapp 30 Kilometer bis zur berühmten Militär-Base Guantanamo. Leider legten wir den Weg völlig umsonst zurück, da man ohne Pässe nicht einmal in die Nähe der Bucht kommt, in der die Basis liegt, sondern bereits an den Straßenkontrollen zurückgeschickt wird. Unsere Pässe lagen derweil in unserer Unterkunft, weil unsere Vermieterin sie zwecks Registrierung eingesammelt hatte.

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Santa Clara, Kuba 22.406919, -79.964939
 Unser Besuch in Santa Clara im Zentrum Kubas war dagegen wesentlich interessanter. Dort steht ein gigantisches Che-Guevara-Mahnmal, zu dessen Füßen ein Mausoleum errichtet wurde, in dem die Gebeine von Che, Tamara Bunke und all ihren Kameraden ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. Damit schließt sich der Kreis, und mit dieser letzten Stätte haben wir während dieser Reise die drei letzten Wegpunkte des Revolutionärs besucht, nach dem Schulhaus in dem kleinen Dörfchen “La Higuera”, in dem Che hingerichtet wurde, und dem lange Zeit geheimen Massengrab in Vallegrande, in dem seine Knochen bis 1997 vor der Überführung nach Kuba verscharrt waren (siehe unser Bericht aus Bolivien…).

Von Santa Clara aus machen wir schließlich noch einen kleinen Abstecher zur Schweinebucht, in der 1961 die gescheiterte amerikanische Invasion stattfand, bevor wir für einen Tag nach Havana zurückkehren. Dort trennen sich unsere Wege für einige Tage, Melanie und Josi legen noch ein paar Strandtage in Varadero ein, während wir noch einmal in den Westen weiterreisen, um die Geburtsstätte von Franks Lieblingszigarren zu besuchen.

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Pinar del Rio, Kuba 22.412222, -83.671944
 Braunes Gold
Im Westen Kubas findet man den besten Boden für den Tabakanbau, rund um dessen Zentrum, Pinar del Rio, gruppieren sich die größten Tabakplantagen des Landes. Zum Besichtigen von Tabakfeldern ist leider die falsche Jahreszeit, die Ernten sind seit langem eingebracht, und die neue Aussaatzeit beginnt gerade erst. So sieht man nur die unzähligen Trockenhäusern, auf denen die Tabakblätter über Trockengestelle gehängt werden. In Pinar del Rio selbst kann man die Fabrik besichtigen in der die bekannten Cohiba Zigarren (und einige weitere Marken) produziert werden. Während einer Führung bekommt man den Herstellungsprozeß erläutert und kann anschließend den Arbeitern über die Schulter schauen. Der nebenan gelegene Fabrikverkauf lässt Franks Herz höher schlagen, wenn man bereit ist auf die dekorativen Verpackungen zu verzichten, gibt es die Zigarren teilweise zu einem Sechstel des deutschen Ladenpreises.

Nach diesem Abstecher in den Westen geht es endgültig zurück nach Havana, wo wir noch ein paar letzte gemütliche Tage in der Altstadt verbringen, und Melanie und Josi nach deren Badeausflug wiedertreffen. Die 19 Tage in diesem interessanten, schönen, irgendwie altmodischen und teilweise aber auch ziemlich anstrengenden Land neigen sich dem Ende zu.

Nebenbei: Während einer der beiden Gelegenheiten, in der wir über Internet kurz Kontakt zum Rest der Welt hatten, erreichte uns die frohe Botschaft, dass unsere Ersatzteile ENDLICH bei Sabine eingetroffen sind – gelobt sei DHL und die deutsche Zuverlässigkeit – die Wartezeit hat endgültig ein Ende …darauf ein Gläschen Rum! Salud!

Eine Fotogalerie mit über 100 Fotos unserer Kuba-Rundreise gibt es hier…

1 Kommentar zu „Das Land, in dem die Zeit stehen blieb“

  1. Heidi Fox schrieb am

    seid froh 🙂 dass Ihr den Bericht über Kuba erst jetzt geschrieben habt 🙂 sonst hätte man Euch vielleicht überhaupt nicht mehr ausreisen lassen 🙁 trotz dem Lob, das Ihr auch verteilt habt 😉

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