Auf der Insel des Regens und der Sagengestalten

22. April 2010

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Chiloe, Chile: -43.121623, -74.030012
13.-22. April 2010, auf der Isla Grande de Chiloé, Kilometer 11922 bis 12375 im Fahrtenbuch
Chiloé ist eigentlich ein Inselarchipel mit einer Hauptinsel von ca. 180km Länge und zahlreichen kleineren, meist ebenfalls bewohnten Inseln. 2007 hat das amerikanische Magazin “National Geographic Traveller” mit Hilfe einer Jury ein Ranking von 111 Inselparadiesen gemacht. Chiloé erreichte dabei den dritten Platz. Chiloé wird gelegentlich auch das “Irland Südamerikas” genannt. Das Wetter wechselt fast das gesamte Jahr über mehrmals täglich binnen Minuten zwischen Regen und Sonnenschein, so dass die Inseln von dichten grünen Wiesen mit grasenden Kühen bedeckt sind.

Wir überqueren mit der Fähre den 50km breiten Kanal zwischen der Hauptinsel des Archipels und dem Festland. Die Fährfahrt dauert gute 5 Stunden und wir kommen spätnachmittags in der südlichsten Stadt Chiloés an – Quellon.

Quellon ist, wie viele Orte Chiloés, eine typische Hafenstadt mit vielen bunten Fischerbooten und mindestens ebenso bunten Holzhäusern, die sich um eine Bucht angesiedelt haben. Am Tag unserer Ankunft sehen wir jedoch nicht viel vom Ort und seiner Umgebung sondern suchen uns erst einmal eine Unterkunft.

Am nächsten Tag geht es mit dem Motorrad auf zu einer Erkundungsfahrt in die Umgebung. An einer Tankstelle, an der wir den Tankwart kurz nach der richtigen Richtung fragen, bietet uns uns der junge Mann, der sich gerade mit dem Tankwart unterhält, an ihm zu folgen, er würde uns den Weg zeigen. Als er uns sozusagen auf die richtige Fährte geführt hat, hält er an, um sich zu verabschieden und erwähnt noch beiläufig, ein Freund von ihm fahre das gleiche Motorrad wie wir. Frank fragt ihn geistesgegenwärtig, ob er auch zufällig wisse, wo man Ersatzteile für Motorräder kaufen könne, wir bräuchten dringend eine neue Kette (wir hatten in unserem letzten Bericht von unserem Ärger mit der Kette erzählt…). Der Mann (Cesar heißt er übrigens) bietet uns an, uns zu dem Freund mit der BMW zu bringen, der könne Ersatzteile bestellen. Er erzählt uns auch etwas von einem Motorradclub, ganz können wir ihn nicht verstehen, aber er meint wohl, dass man sich gerne unter Bikern helfe. Und schon sind wir wieder auf dem Rückweg nach Quellon, der Ausflug ist fürs Erste vertagt.

Kurz darauf stehen wir vor der Werkstatt von Jaime, dem Freund mit der BMW. Motorräder scheinen Jaimes große Leidenschaft zu sein. Seine eigene Maschine, eine F 650 von 1999 steht da wie aus dem Ei gepellt und blitzt bis zur letzten Schraube, dagegen sieht unser armer schlammverspritzter Idefix richtig schäbig aus. Außerdem steht noch die Ténéré eines Bekannten daneben, an der offenbar auch gerade gearbeitet wird.

Jaime telefoniert für uns herum, um Preise und Lieferzeit für einen neuen Kettensatz ausfindig zu machen (zusammen mit der Kette müssen immer beide Ritzel mit ausgetauscht werden, was die ganze Sache natürlich auch kostspieliger macht). Die Kosten für die Teile hauen uns schier aus den Schuhen: rund 250 Euro inklusive dem Versand aus Santiago de Chile – mehr als doppelt so viel wie in Deutschland. Allerdings könnten die Ersatzteile zwei Tage später schon hier bei uns in Quellon sein. Kurz überlegen wir, ob es sich bei der Preisdifferenz nicht lohnen würde, die Teile in Deutschland zu bestellen und per DHL Express hierher schicken zu lassen. Wir haben aber Angst, dass wir hier zu lange festsitzen falls bei der Lieferung etwas schiefgeht, und das Zeug zu lange im Zoll hängt. Also bestellen wir schweren Herzens über Jaimes Kontakt. Länger als nötig mit der beschädigten Kette herumzufahren trauen wir uns nicht, wer weiß, wann das Unglücksding uns das nächste Mal vom Ritzel springt.

Anschließend lädt uns Jaime auf einen Kaffee in seine Wohnung ein. Das Hauptgesprächsthema ist natürlich – ganz klar – Motorräder. Aber natürlich werden wir auch ausgiebig über unsere Reise ausgefragt. Wir wissen nicht genau, was letztendlich der Grund  war, aber Jaime bietet uns an, während wir auf unsere Ersatzteile warten in einer leerstehenden Wohnung von ihm zu schlafen, die er normalerweise vermietet. So können wir wenigstens derweil ein wenig das Reisebudget schonen, das durch die unerwartete Reparatur doch etwas strapaziert wird. Leider können wir Jaimes nettes Angebot heute noch nicht annehmen, da wir unser derzeitiges Hostal für zwei Tage reserviert hatten. Aber am nächsten Tag packen wir gleich nach dem Frühstück unsere Habe zusammen und ziehen in Jaimes leeres Appartment um. Praktischerweise liegt das genau über der Werkstatt, in der unser Motorrad gleich einen trockenen Parkplatz findet.

So viel Gastfreundschaft wie bei Jaime und seiner Familie haben wir noch nie erlebt. Nachdem wir uns in der Wohnung eingerichtet haben, werden wir eingeladen mit der Familie zu Mittag zu essen. Danach werkeln Frank und Jaime ein wenig in der Werkstatt. Gemeinsam werden zunächst unsere Alukoffer wieder zurecht gebeult und neu vernietet, und später am Nachmittag wird unser Motorrad von seiner dicken Dreckkruste befreit, während Andrea gleichzeitig der Ausrüstung eine Grundreinigung verordnet. Unter den kritischen Augen von Jaime und Cesar muss Frank nach dem Waschgang mit dem Hochdruckreiniger noch eine Schicht Lackpolitur nachlegen, Idefix will ja schließlich nicht als häßliches Entlein neben den anderen Motorrädern parken. Anschließend ist unser Moto kaum mehr wieder zu erkennen, sogar die Kunststoffteile erstrahlen in neuem Glanz. Es ist schon peinlich zuzugeben, dass unser Motorrad noch nicht mal nach dem Kauf so schön geglänzt hat. Leider wird es wohl zu bald schon wieder in seinen alten Zustand zurückkehren – polierter Lack und Schlammwege vertragen sich so gut wie Schokolade mit Bikinifigur.

16. April – Unsere Ersatzteile, die gestern die Haupstadt Santiago verlassen haben, verzögern sich leider um einen Tag, so daß wir diesen Tag mehr oder weniger zum Nichtstun verdammt sind. Unser Ausflug in die Nachbardörfer wurde leider von einer aufziehenden Regenfront vereitelt. Macht nichts, Frank schließt sich gleich wieder Jaime und Cesar in der Werkstatt an und schraubt schon mal ein bisschen am Motorrad, während Cesar es derweil schafft, den Tacho seines Autos unrettbar zu zerlegen. Während der “Männergespräche” in der Werkstatt beeilt sich Frank, Jaime und Cesar die wichtigsten Grundkenntnisse der deutschen Sprache beizubringen, allen voran das Wort “verrückt”, das Jaime hauptsächlich verwendet um Cesar damit zu betiteln. Da dieser Wortschatz jedoch nicht so geeignet für den Gebrauch am Familientisch ist hat Jaime den Google Translator für sich entdeckt. Als wir abends zum Hot Dog Essen bei der Familie eingeladen sind muss die elektronische Krücke immer herhalten wenn die Erklärungen komplizierter werden. Dann sitzen wir alle um Jaimes Notebook, er tippt die Frage in den Google Translator, lässt uns die Übersetzung lesen, und wir tippen anschließend wiederum die Antwort ein. So geht es fleißig hin und her und alle finden die Unterhaltung um drei Ecken ziemlich lustig. Jaime erzählt auch viel von seinem Motorradclub, und als er von Andreas Beruf erfährt, wird sie gleich gebeten, ein neues Logo für den Club zu entwerfen (so können wir uns wenigstens ein bisschen für die Gastfreundschaft und Hilfe revanchieren).

17. April – Beim Frühstück verkündet Jaime, dass unser Päckchen endlich da sei, und nur noch am Busterminal abgeholt werden müsse (In Chile ist es üblich, seine Pakete von Bussen transportieren zu lassen, die kurzerhand dem Fahrer mitgegeben werden). Die Ersatzteile passen und der Einbau verläuft problemlos. Wir packen noch am Nachmittag, machen anschließend Erinnerungsfotos mit den beiden BMWs und müssen nun leider Abschied nehmen von “El loco” Cesar, Jaime und seiner Familie. Das fällt uns nicht leicht, denn wir haben so viel Hilfsbereitschaft von allen erlebt und viel Spaß gehabt in den letzten Tagen.

Jetzt wollen wir aber endlich nicht mehr länger Werkstätten von innen sehen, sondern etwas von dieser Insel. Von Quellon geht es für uns nun in die Inselmitte. In Dalcahue bleiben wir zwei Tage, machen mit der Fähre (die netterweise für Fußgänger gratis ist) einen Ausflug zur kleinen Nachbarinsel Quinchao und zur Inselhauptstadt Castro. Zwei der bekanntesten Sehenswürdigkeiten Chiloés sind die Pfahlhäuser und die hölzernen Kirchen. Die Pfahlhäuser kann man unter anderem in der Hauptstadt Castro sehen, wo sie in Reihen an der Bucht entlang auf ihren dürren Beinen stehen und mit grellbunten Farben wie Spielzeughäuser aussehen. Die berühmten Holzkirchen stammen noch aus der Zeit der Jesuiten-Missionare und sind über der ganzen Insel und auf benachbarten, kleineren Inseln verstreut. Ein Teil dieser typischen Kirchen wurde 2000 in das Weltkulturerbe der UNESCO aufgenommen. Manche sehen allerdings recht trist in dunklen Brauntönen aus, während andere dekorativ in blau-gelb oder orange-violett erstrahlen.

In den “Cocinas Dalcahue” (Cocina = Küche) hat man die Möglichkeit, für kleines Geld richtig landestypisch zu essen. Man muss sich das als eine Ansammlung von Essensständen unter einem Dach vorstellen, die dort allerdings als Dauereinrichtung aufgebaut sind und nicht wie bei einem Jahrmarkt vorübergehend. Wir probieren dort Cazuela, eine Art Eintopf mit unterschiedlichen Zutaten, hier auf Chiloé typisch mit Lammfleisch und Luche. Luche ist getrockneter Seetang. Klingt grenzwertig, von Aussehen und Geschmack her ist es aber ähnlich wie Blattspinat, nur etwas würziger. Eine Portion gibt es für gerade mal ca. 2,50 Euro.

19. April – Unsere letzte Station auf Chiloé ist Ancud ganz im Norden. In der Nähe Ancuds gibt es einen aktiven Leuchtturm und zwei alte Forts aus dem vorletzten Jahrhundert, aus der Zeit als noch die Spanier um die Vorherrschaft in Chile stritten. Mehr noch als die Sehenswürdigkeiten wird uns jedoch unser Hostal in Ancud in Erinnerung bleiben, das zusammen mit Eduardos “Independencia” in Punta Arenas bisher die gemütlichste Unterkunft unserer ganzen Reise war (ob das etwas zu bedeuten hat, dass beide in Chile sind?).

Das “Las Lilas” wird von zwei symphatischen Schwestern geführt und ist benannt nach der alten Mama, die ebenfalls mit im Haus lebt. Beim Frühstück, bei dem wir sozusagen mitten in der Familienküche sitzen, fragen wir nach einem Tipp, wo man hier ein gutes Curanto essen könnte, das chilotische Nationalgericht, dass wir bereits bei Eduardo probieren durften. Das müssen wir natürlich noch einmal an seinem Ursprungsort kosten. Die eine der Schwestern empfiehlt uns zunächst einige Restaurants, überlegt dann aber nochmals und fragt, ob wir damit eventuell auch bis morgen warten könnten. Wir bejahen und sie schlägt uns vor, ob wir nicht hier im Haus unser Curanto essen wollen, dann würden sie das morgen kochen. Das lassen wir uns natürlich nicht zweimal sagen, denn das ist doch die Art von Erlebniss, die eine solche Reise ausmachen. Dass wir dafür wieder einmal nur wegen eines Essens unsere Weiterreise verschieben, ist doch eher zweitrangig, oder?

Übrigens hatten wir auf unserem Weg nach Ancud schon wieder einen Verlust zu beklagen. Die Kettenspannvorrichtung an unserem Hinterrad hat sich entschlossen, die Reisegesellschaft an dieser Stelle zu verlassen und fortan ein Leben als Straßenkind zu führen. Gemerkt haben wir es erst, als es zu spät war. Aber zum Glück hat Frank heute in echter MacGyver-Manier einen provisorischen Ersatz aus Baumarktteilen improvisiert, originell aber wirksam.

Curanto-Tag
21. April – Da der Fischfang eine der wichtigsten Einkommensquellen hier auf Chiloé ist, gibt es Meeresgetier – allen voran Muscheln – auf jeder Speisekarte. Natürlich besteht das hiesige Nationalgericht auch zu einem großen Teil aus Muscheln. Drei Sorten Muscheln werden in einem Topf geschichtet und mit Weißwein und Wasser aufgegossen, dazu kommen ganze Kartoffeln, getrocknetes Schweinefleisch und Chorizo. Als oberste Schicht bedeckt eine Lage Klöße aus Kartoffelteig die Zutaten. Das ganze wird dann eine ganze Stunde im Sud geschmort. Der Sud selbst wird später auch verwendet um die Klöße beim Essen darin einzuditschen. Als Beilage gibt es dazu kleingehackte Tomaten, Zwiebeln und Koriander. Wir hatten zwar bei unserer ersten Curanto-Verkostung bei Eduardo schon einmal von diesem Gericht erzählt, aber diesmal haben wir von der Köchin höchstpersönlich noch so viel erfahren und in der Küche über die Schulter geschaut, dass wir das bestimmt einmal zu Hause nachkochen werden. Mal schauen, wen von unseren Freunden wir damit vergraulen werden.

Nach diesem leckeren Essen und beduselt vom Weißwein, den es natürlich dazu gibt brauchen wir danach erst einmal eine kleine Siesta auf dem Zimmer. Nachmittags fahren wir zu einem kleinen Park in der Nähe, in der die chilotische Mythologie erklärt wird. Ein älterer Mann hat den Park in liebevoller Kleinarbeit über viele Jahre angelegt und die chilotischen Sagenfiguren aus Holz hergestellt und bemalt. Die meisten der Sagengestalten stammen noch von den Mapuche-Ureinwohner, die die Figuren zum Teil erfanden um den europäischen Eindringlingen damit Angst zu machen. Man erzählt zum Beispiel von einem Geisterschiff, dem “Caleuche”, das im Nebel auftaucht und verschwindet, vom koboldähnlichen “Trauco”, der junge Frauen zu sich lockt, oder von den Schlangen “Cai Cai” und “Ten Ten Vilu”, die die Erde abwechselnd aus dem Meer herausheben oder hinunterziehen (Ebbe und Flut). Der Mann der den Park gestaltet hat lädt uns nach der Führung noch zu einem Kaffee in sein Haus ein, und wir stellen fest, dass unser Spanisch wohl doch nicht mehr sooo schlecht ist und schon politischen Diskussionen standhält.

Leider war dies unser letzter Tag auf der Insel des Regens, denn morgen geht es zurück aufs Festland. Auf Chiloé haben wir so viele originelle und freundliche Menschen kennengelernt, dass uns der Abschied wirklich schwerfällt.

Unsere Chiloé-Fotogalerie…

2 Kommentare zu „Auf der Insel des Regens und der Sagengestalten“

  1. Heidi Fox schrieb am

    wenn man Eure Berichte so anschaut, könnte man grad glauben, dass alle netten und freundlichen Leute nach Südamerika ausgewandert sind 🙁 bitte, bitte bringt wieder welche mit nach Deutschland 😉 sonst müssen wir umziehen 😮

  2. Alesja + Thomas schrieb am

    Hallo Ihr zwei Abenteurer, wir freuen, dass es Euch gut geht :-)!

    UND, ich freue mich schon auf das Curanto bei Euch zu Hause…klingt wirklich sehr lecker 🙂 Also kommt bald Heim! Liebe Grüße
    Alesja

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