Auf Chiles Sonnenseite

9. April 2010

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Los Antiguos, Argentinien: -46.548628, -71.631977
El Chalten, Argentinien: -49.331494, -72.886325
3.-9. April 2010, von El Chalten (Argentinien) nach Cerro Castillo (Chile)
Es gibt eine Region in Chile, rund um den Lago General Carrera (der zweitgrößte See in ganz Südamerika, der auf der Grenze Argentinien/Chile liegt), die sich an rund 300 Tagen Sonnenschein im Jahr erfreuen kann. Dieses Gebiet ist eine grüne Oase inmitten der gelbbraunen staubigen Steppenlandschaft, die bereits seit hunderten von Kilometern in Argentinien und Chile an uns vorbei zieht. Am See entlang reihen sich Lagunen in blauen und türkisgrünen Farben, bei deren Anblick man meint, es hätte jemand seinen Farbkasten darin ausgewaschen. Zusammen mit den eisbedeckten Andengipfeln im Hintergrund bietet die Landschaft so ein beeindruckenden Bild, das man sich gar nicht sattsehen mag.

Jetzt aber genug der Schwärmerei – noch sind wir bei El Chalten und noch gute 750km vom schönen Seeblick entfernt, und müssen zunächst einmal das laut Reiseführer schlimmste Stück der Ruta 40 hinter uns bringen. Die Ruta 40 zieht sich in Argentinien entlang der Anden in Nord-Süd-Richtung und ist berüchtigt für ihren schlechten Zustand im südlichen Teil. Zum Glück macht der Fortschritt auch vor dem argentinischen Straßenbau nicht halt – man hat begonnen, stückweise den Schotter durch Asphalt zu ersetzen. Das dieses Konzept nicht immer logisch umgesetzt wird, kann es passieren, dass der Asphalt urplötzlich wieder durch ein Stück Schotter unterbrochen wird, so dass man nie so recht weiß, was von beidem hinter dem nächsten Hügel wartet. Der Straßenbelag ist hier auch das einzige, das man als abwechslungsreich bezeichnen könnte. Kilometerlang geht der Weg schnurgeradeaus, gesäumt von einigen struppigen gelben Grasbüscheln. Nicht einmal ein paar Guanakos lassen sich zu einem Wettrennen blicken.

Die 750km sind natürlich für eine Tagesatappe zu weit, deshalb unterbrechen wir in einem ziemlich verschlafenen Ort namens Gobernador Gregores. Verschlafen, weil die Touristeninfo geschlossen ist, nur eine einzige Übernachtungsmöglichkeit zu finden war, und es nicht mal eine kleine Snackbude für ein schnelles Abendessen zu geben scheint. Am nächsten Morgen wollten wir uns im Supermarkt noch mit Lebensmitteln eindecken. Verdammt, es ist ja Ostersonntag – da war doch was… Sogar die Tankstellenshops sind geschlossen. Dann muss es eben ohne Essen gehen.

Nach diesem morgendlichen Ärgernis bietet uns der nächste Straßenabschnitt jedoch noch eine Überraschung der angenehmen Art. Eigentlich hatten wir mit mindestens weiteren 70km Schotter gerechnet, stattdessen präsentiert sich uns ein nagelneues, frisch asphaltiertes Stück, das noch nach Teer duftet. Dass eigentlich eine Umleitung an dem heißersehnten Straßenbelag vorbeiführt stört uns nur kurz. Galant mogeln wir uns an der Absperrung vorbei – hier muss man über jeden Meter Asphalt froh sein – außerdem ist ja Ostern. Dass heute garantiert niemand arbeitet mussten wir ja bereits an der Tankstelle feststellen. Wir haben mal freundlicherweise das neue Straßenstück geprüft und für gut befunden! Diesem unerwarteten Segen haben wir es auch zu verdanken, dass wir an diesem Tag unseren neuen Etappenrekord von 420km abgespult haben – nach 8 Stunden im Motorradsattel. Frank hatte wohl der Ehrgeiz gepackt, denn kurzerhand düste er einfach durch den angepeilten Übernachtungsort hindurch und meinte, die letzten 56km zu dem Grenzstädtchen Los Antiguos würden wir auch noch schaffen. Mit quietschenden Gelenken und plattem Hintern steigen wir abends um acht Uhr in Los Antiguos kurz vor der chilenischen Grenze von unserem Motorrad, und beschließen, hier die nächsten drei Tage zu bleiben, bevor wir dann wieder nach Chile einreisen.

Bei der Suche nach einem Hostal für die folgenden drei Tage lässt Andrea ihren Charme spielen und handelt das Zimmer von 150 Pesos auf 100 Pesos pro Nacht herunter. Anschließend gibt es als kleine Selbstbelohnung für die wackeren Motorradfahrer und als Oster-“Festessen” einen Besuch im Restaurant. Als Tagesgericht wird Centolla (Königskrabbe) angepriesen, und die wollte Frank doch bereits in Ushuaia probieren (dort haben wir es uns jedoch wegen der horrenden Preise verkniffen).

Am Ostermontag erlauben wir uns dann einen Faulpelztag, aber am Dienstag geht es ans Werk: die Wäsche muss gewaschen werden und Frank muss einen Schweißer fürs Motorrad auftreiben. Bei jedem Aufsetzer (die leider wegen der vielen Schlaglöcher regelmäßig vorkommen) verbiegt es uns den Seitenständer – mittlerweile ist das Teil schon brüchig wie ein Keks. Der Schweißer im Ort ist ziemlich flott, zwei Stunden später bringt er uns den frisch geschweißten Seitenständer wieder – für gerade mal 10 Euro. Dann kann es ja losgehen, auf nach Chile!

7. April – Das Grenzprocedere kennen wir inzwischen schon besser als unsere Spanischvokabeln, so oft sind wir schon zwischen Chile und Argentinien hin und her gewechselt: Ausreisestempel in den Pass, Einfuhrbescheinigung fürs Motorrad abgeben, Einreisestempel fürs nächste Land abholen, neue Einfuhrbescheinigung ausstellen lassen, Zollerklärung ausfüllen. Diesmal besteht der Zollbeamte jedoch zum ersten Mal darauf, das Gepäck zu kontrollieren (man muss wissen, zwischen Chile und Argentinien darf man weder pflanzliche noch tierische Produkte über die Grenze bringen). Glücklicherweise ist der Kontrolleur so auf unsere Alukoffer fixiert, dass er die Milch in der Tanktasche völlig übersieht.

Bei der anschließenden Rundfahrt entlang des Sees bietet sich uns der schon zu Beginn dieses Berichtes erwähnte Anblick. Die Straße schlängelt sich in Serpentinen die Berge hinauf und herunter und überquert unzählige Flüsschen, die in den See fließen und so klar sind, dass man bis zum Grund sehen kann. Am südwestlichen Ende des Sees betreten – pardon, befahren – wir dann auch zum ersten Mal die Carretera Austral, die nebenbei gesagt, eher noch in schlimmerem Zustand als die Ruta 40 ist. Die Carretera Austral wartet auf diesem Stück mit den fünf schlimmsten Plagen für Motorradfahrer auf: Schlaglöcher, Wellblech, Schmierseife, weiche Erde, Schotterhügel. Der Vergleich mit der Ruta 40 ist wie die Wahl zwischen Pest und Cholera. Deshalb schaffen wir die Umrundung des Sees auch nicht an einem Tag, und suchen uns einen schönen Campingplatz. Als wir in der Nähe des Sees in Bahia Murta unser Lager aufschlagen, haben wir frostige 2 Grad, als wir nachts in unser Zelt kriechen (da wird wenigstens unsere geschmuggelte Milch nicht schlecht).


Eintritt frei!
8. April –
Am nächsten Morgen ist das Gras bedeckt von Rauhreif und unser Zelt tropft von Kondenswasser. Bis das Zelt in der Sonne getrocktnet ist, ist es Mittag – es wäre schon ein Wunder, wenn wir es einmal schaffen, vor 12 Uhr auf dem Motorrad zu sitzen. Glücklicherweise haben wir heute nur knapp 100km bis Cerro Castillo vor uns. Der Reiseführer behauptet, es gäbe dort eine Höhle mit Handabdrücken der Ureinwohner, die man besuchen kann. Als wir in Cerro Castillo an der Touristeninfo danach fragen, heißt es, die Höhle sei zwar derzeit leider für Besucher geschlossen, aber wir könnten sie trotzdem sehen, wenn wir möchten. Wir sollen einfach mit dem Motorrad bis an den Eingang des Höhlengeländes fahren, über den Zaun klettern und das restliche Stück zur Höhle laufen. Einbruch mit Erlaubnis – auch nicht schlecht! So kommen wir zu einer etwas abenteuerlichen Höhlenbesichtigung und später auf dem Zeltplatz zu tierischer Unterhaltung: plötzlich sehen wir uns eingekreist von einer kleinen Herde grasender Pferde von der Nachbarweide, die sich diskret angeschlichen haben, und ein aufdringliches Hundebaby, das etwas weniger diskret versucht in unser Zelt zu klettern, oder sich in unsere Hosenbeine zu verbeißen. Nicht nur wegen der vierbeinigen Gesellschaft (die sich ausnahmsweise nicht für unsere Vorräte interessiert hat) wird uns dieser Zeltplatz wohl in Erinnerung bleiben: immerhin mussten wir hier den Ofen fürs heiße Duschwasser selbst mit Holz anheizen – aber wo so viel Holz vorhanden ist, ist natürlich noch ein kleines Lagerfeuerchen mit drin!


9. April – Nachdem der letzte Tipp aus dem Reiseführer mit den Höhlen-Handabrücken so gut war, vertrauen wir dem Buch ein weiteres Mal und biegen noch nach Puerto Ibanez ab, wo es einen Friedhof der Tehuelche-Indianer geben soll.  Diesmal jedoch ohne Erfolg: keine Hinweisschilder oder Wegweiser, nichts was nach archäologischer Ausgrabung aussieht, im Café in dem wir fragen, weiß man von nichts. Man sollte doch annehmen, dass die Leute davon wissen, wenn es bei ihnen alte tote Indianer gibt, oder? Was machen schon 60km Umweg… *Ironiemoduswiederaus*

Jetzt kehren wir dem großen See endgültig die Rücklichter zu und machen uns wieder auf den Weg nach Norden, wir haben schließlich Termindruck!

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