Am Ende einer langen Reise

28. Dezember 2010

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Cancun, Mexiko 21.161908, -86.851528
 17. Dezember – Jetzt sind wir also in Cancun gelandet – dem Pauschaltouristenmekka schlechthin…
Eigentlich der letzte Ort an den es uns in diesem Lande hingezogen hätte, denn unmexicanischer geht es wohl kaum noch. Aber vielleicht sollten wir den Bettenburgen dankbar sein, immerhin bescheren sie uns unschlagbar günstige Rückflugtickets! Und so werden wir in vier Tagen gemeinsam mit einer Ladung sonnenverbrannter Strandwanzen in einem Condor Ferienflieger sitzen.

Leider wollte Condor unseren Idefix nicht als Sperrgepäck mitnehmen. Wir hatten wir ganz frech einfach mal angefragt, ob ein Motorrad eventuell auch als Sportgepäck durchgehen würde, denn Taucherausrüstungen und Surfbretter darf man ja auch mit sich führen (natürlich hatten wir nicht wirklich auf einen positiven Bescheid gehofft). Nun fliegt der treue Gefährte schließlich mit einer anderen Maschine nach München. Wir wissen bis heute nicht, wieso es NICHT möglich ist, ein Motorrad an den größten Cargo-Flughafen Deutschlands – Frankfurt – zu schicken, nein, da muss es München sein.

Nun gut, es hilft ja nichts, unser Spediteur teilte uns mit, dass man normalerweise 48h vor Abflug das Motorrad abgeben müsste. Da dieser Termin bei uns aber auf einen Sonntag fallen würde, sollten wir lieber bereits Freitags in Cancun eintreffen, um auf der sicheren Seite zu sein. Bei einem lokalen Spediteur vor Ort sollten wir als allererstes die Zollpapiere ausstellen lassen, deshalb verabredeten wir uns für Freitag Mittag im Büro in Cancun.

In Cancun suchen wir zuallererst unser Hotel auf, das wir in weiser Voraussicht bereits vorreserviert hatten und laden in Windeseile das Gepäck ab. Die Tankrucksacktaschen und die Alukoffer dürfen zwar am Motorrad verbleiben, müssen aber leer sein (aus zollrechtlichen Gründen, wie man uns sagte). Danach fahren wir die 15 Kilometer zum Speditionsbüro, nur um dort gefragt zu werden, ob wir nicht doch lieber am Montag wiederkommen wollten, heute sei so viel zu tun, und man habe nicht so viel Zeit! Warum haben wir uns eigentlich noch mal so sehr beeilt, nach Cancun zu kommen???

Wir bestehen trotzdem darauf, schon heute den Papierkram zu erledigen, damit wir es endlich hinter uns haben, und unsere letzten vier Tage ohne Zollformalitäten im Hinterkopf genießen können. Mit den Frachtpapieren geht es deshalb als allererstes an den Flughafen zum Zollgebäude. Nach gründlicher Prüfung unserer Papiere teilt man uns dort mit, dass das alles so in Ordnung wäre, alle Gebühren für die Ausfuhr schon abgegolten sind, und nichts mehr zu tun sei. Das klingt uns alles etwas zu glatt und wir bleiben ziemlich misstrauisch. Aber auch der Spediteur bestätigt noch einmal ausdrücklich, dass wir nichts mehr für das Motorrad zu bezahlen hätten. Wir sollten das Motorrad am Dienstag morgen einfach beim Zoll abgeben, damit es anschließend in den Flieger verladen werden kann. Das gefällt uns überhaupt nicht, denn mittlerweile kennen wir die Behörden dieses Kontinents schon zu gut und wissen, dass man sich auf solche Aussagen besser nicht verlassen sollte. Eigentlich bestätigte uns unser deutsches Transportunternehmen, dass das Motorrad nach Abwicklung der Papiere kostenfrei bis zum Abflug am Flughafen gelagert würde. Davon ist jetzt auch nicht mehr die Rede: wenn wir das Motorrad vor Dienstag (dem Abflugtag) abgeben, kostet es Gebühr. Wunderbar, nun müssen wir das alles wenige Stunden vor unserem eigenen Abflug abwickeln und hoffen, dass den Mexicanern nicht am Dienstagmorgen noch plötzlich einfällt, dass bei den Papieren doch noch nicht alles erledigt ist. Frank ist sauer, weil wir vorher alles sorgfältig per E-Mail abgeklärt hatten und nun doch wieder nichts nach Absprache läuft.

Wir versuchen trotzdem, in Cancun noch ein paar entspannte Urlaubstage zu verbringen, laufen tagsüber zu verschiedenen Handwerksmärkten in der Stadt, fahren mit dem Motorrad zu der Landzunge, auf der die riesigen All-Inclusive-Resorts stehen und abends heizt Frank den Grill an (er muss schließlich die letzten warmen Abende ausnutzen, bevor uns zu Hause sibirische Kälte erwartet).

In Cancun findet man zwei Arten von Märkten, „normale“ für die Einheimischen, mit den üblichen Fisch-, Fleisch- und Obstständen, Bekleidung und dazwischen gelegentlich mal einen Stand mit Handwerksartikeln wie z.B. den farbenfroh gewebten Ponchos, Teppichen oder Tischdecken und Keramiken mit Mayamotiven. Daneben gibt es aber auch die reinen Touristenmärkte, in den man einen Souvenirstand nach dem anderen findet, jeder mit mehr oder weniger identischen Waren. Während man durch den gewöhnlichen Markt völlig unbehelligt schlendern und in Ruhe die Stände betrachten kann, wird man hier von fast verzweifelt aggressiven Verkäufern belästigt: Sobald man sich einem Stand auch nur nähert, wird man bestürmt mit: „Was suchst du? Ich habe Ponchos, Decken, Hängematten, Schals..“ Wenn man dann den Redeschwall unterbricht mit den Worten: „Danke, ich will nur schauen!“ geht die Litanei sofort weiter: „…T-Shirts, Tassen, Figuren“ „NEIN, Danke! Ich SCHAUE nur!“ „Hey, was gefällt dir, hier, das oder das? Schau her, wie wäre es damit…?“ während der Verkäufer wahllos Sachen aus den Regalen zerrt. Sobald man sich ein Stück näher anschaut bekommt man gleich zehn Varianten davon unter die Nase gehalten, so dass wir uns überhaupt nicht trauen, mehr als eine Sekunde an einem Regal zu verweilen. So macht es wirklich keinen Spaß, und wir sind bald gestresst und genervt. Nur wenn wir wirklich ganz unfreundlich erwidern, dass wir nichts kaufen wollen und an nichts interessiert sind, haben wir mal für einen Moment Ruhe. Gerne würden wir den Verkäufern mal nett verklickern, dass wirklich KEIN europäischer Tourist so ein aggressives Verkaufsverhalten schätzt und sie sicherlich mehr Waren verkaufen würden, wenn sie den Kunden mal die Chance lassen würden, sich in Ruhe den Stand anzusehen. Aber so weit reicht unser spanischer Wortschatz dann doch nicht, so bleibt uns nur die grobe Abfuhr und wir wundern uns nicht mehr, wenn man uns Ausländer vielleicht nun für arrogant und unfreundlich hält. An so manchem Stand haben wir schon aus Prinzip nichts gekauft, obwohl uns vielleicht tatsächlich ein Stück gefallen hätte. Aber so darf sich nun die freundliche ältere Frau über Umsatz freuen, die im Gegensatz zu ihren Kollegen nur auf Nachfrage unaufdringlich beraten hat, und an deren Stand wir gerne noch ein paar letzte Andenken gekauft haben. Pech gehabt, Jungs!

Man merkt den Menschen in der Stadt einfach an, dass hier so gut wie nie Individualreisende vorbei kommen, die tatsächlich an Land und Leute interessiert sind. Jeder versucht sich einfach ein Scheibchen vom Touristenkuchen abzuschneiden. Niemand rechnet hier damit, dass man als Ausländer spanisch spricht und wenn doch, reagieren die Menschen fast schon irritiert. Wir sind in Cancun mehrmals für Argentinier gehalten worden, weil sich einfach niemand vorstellen konnte, dass ein Europäer wirklich Spanisch spricht und man versucht hat unser westliches Erscheinungsbild irgendwie zuzuordnen.

Leider haben wir auch mal wieder erleben müssen, dass Touristen Freiwild für Abzockerei sind. Wir suchen uns grundsätzlich immer Gaststätten/Restaurants in denen hauptsächlich Einheimische sind, und fragen immer vorab nach den Preisen für Getränke und Essen, wenn es (wie meistens) keine Speisekarte gibt, damit uns unliebsame Überraschungen bei der Rechnung erspart bleiben. So auch in Cancun. Wir bestellen einen Teller Ceviche de Camarones (ein kalter Shrimpssalat) und jeder ein Getränk. Beim Bezahlen soll das alles plötzlich 10 Pesos mehr kosten, als wir ausgerechnet hatten. Wir fragen nach, warum! Der Inhaber zählt die Preise auf: „Das Bier hier kostet 20 Pesos..“ „Wieso? Eben hat Bier noch 15 Pesos gekostet?“ „Ja, aber DIESES hier kostet 20!“ Interessant, und woher die anderen 5 Pesos Aufschlag herkommen, kann er auch nicht mehr zusammenbasteln.

Natürlich zieht es uns auch mal aus der Stadt heraus, auf die vorgelagerte Landzunge, auf der sich ein gigantisches Luxusresort an das andere drängt. Wir werden begafft wie Außerirdische, als wir mit unserem Motorrad über die Promenadenstraße fahren, wo sonst nur kleine Miet-Rollerchen tuckern, ein deutsches Motorrad scheint hier noch keiner gesehen zu haben. Wir halten an einer Bar, die damit wirbt, dass in ihr der Tom Cruise Film „Cocktail“ gedreht wurde. Einer der Kellner kommt – völlig fasziniert von unserem Motorrad – sogar zu uns heraus und fragt uns neugierig, was wir hier machen. Als er von unserer langen Reise hört ist er ganz begeistert, wünscht uns viel Glück und will ein Foto von uns machen. Es gibt auch ein ganzes Einkaufszentrum mit Luxusmarken, einen Autoverleih für Porsche, Oldtimer und dicke Hummer und falsche Piratenschiffe für Abendshows. Wir halten für einen Kaffee bei einer Starbucksfiliale, beobachten die künstliche Welt um uns und fühlen uns derart fehl am Platze…

21. Dezember – Der Tag unserer Abreise ist gekommen. Wir haben es tatsächlich geschafft, unsere gesamte Ausrüstung aus den Motorradkoffern auf unsere große Packtasche, einen Seesack (den wir von zwei anderen Reisenden geerbt hatten) und zwei möglichst großen Rucksäcken fürs Handgepäck umzupacken. Diesmal haben wir nicht den Vorteil, einen Großteil der Ausrüstung mit dem Motorrad mitschicken zu können und kämpfen mit der erlaubten Freigepäckmenge. Die Helme dürfen wir zum Glück mit dem Motorrad mitschicken, sonst hätten wir ein echtes Platzproblem bekommen.

Nun müssen wir aber als erstes zum Speditionsbüro, für 8 Uhr hat man uns bestellt, um 9 Uhr öffnet der Zoll am Flughafen. Frank sollte leider recht behalten mit seiner Schwarzmalerei am Freitag: der gleichen Zollmitarbeiterin, die vor vier Tagen unsere Papiere geprüft und erklärt hatte, die Papiere seien vollständig und alle Gebühren bezahlt, fällt natürlich heute ein, dass die Ausfuhrerlaubnis fehlt, die wir leider in einem 25 Kilometer (!) entfernten Büro erhalten. Das Motorrad darf allerdings das Zollgelände nicht mehr verlassen, weil die Vignette am Windschild bereits entfernt wurde. Nun muss der Schlaumeier von der Spedition uns dorthin fahren – geschieht ihm recht, immerhin ist das nicht der erste Motorradtransport, den er abwickelt, da hätte er ja selbst merken müssen, dass noch ein Dokument fehlt. Wir finden das allerdings nicht besonders lustig, der Mann weiß nicht mal genau, wo das Amt zu finden ist, und uns läuft die Zeit (bzw. unser Flieger) davon. Zum Glück erhalten wir die Ausfuhrerlaubnis ohne Probleme und sind zwei Stunden später wieder am Flughafenzoll. Dort wird das Motorrad noch einmal auf Einhaltung der Sicherheitsrichtlinien geprüft (nur noch Reservespritmenge im Tank, keine weiteren gefährlichen Güter am Motorrad), dann muss Frank unter wachsamer Prüfung die Batterie abklemmen und wir verstauen noch schnell die Helme in den leeren Alukoffern, bevor man uns vom Motorrad verscheucht. Davon, dass wir bei Verpackung und Verladung zugegen sein sollen ist nun auch keine Rede mehr. Der Mann von der Spedition versichert uns, das für uns zu überwachen. Na wenn das mal gut geht…

Mit dem Bus fahren wir zurück in die Stadt, zu unserem Hotel, packen noch geschwind fertig und essen ein schnelles „Frühstück“, dann düsen wir mit dem Taxi zum Flughafen zurück, wo wir prompt erst einmal im falschen Terminal landen, weil weder wir noch der Taxifahrer einen blassen Schimmer davon haben, in welchem Terminal die Condor Schalter sitzen. Nach dieser kurzen Verzögerung schaffen wir es tatsächlich noch pünktlich zum Check-In. Wir werden Condor ewig dankbar sein, denn der Mitarbeiter am Schalter drückt bei unserem Gepäckgewicht mehr als zwei Augen zu: erlaubt sind 20kg pro Person im aufgegebenen Gepäck – wir stellen den Seesack aufs Band: 16kg, fein, das geht ja sogar… dann folgt die Motorradpacktasche: 35kg – ach du Schreck! Rechen… rechen… das sind ja 51 Kilo! Zerknirscht warten wir schon auf die fette Übergepäckgebühr (10 Euro pro überzähligem Kilo) – aber der Schalterangestellte weist uns lediglich darauf hin, dass er keine Gepäckstücke schwerer als 32kg annehmen dürfe, wir möchten das bitte umverteilen. Vor dem Schalter räumen wir hektisch zwischen den beiden Taschen hin und her, dann passt es. Als er dann noch sicherheitshalber unser Handgepäck wiegen möchte rinnt uns erneut der Angstschweiß von der Stirn… 18 Kilogramm (12 wären erlaubt) – aber schon wieder kommen wir ungeschoren davon! Da haben wir wohl ein Glücksschwein gefrühstückt…

Trotz Schneechaos auf den europäischen Flughäfen landen wir ohne Probleme nach einem zehnstündigen Flug in Frankfurt, wo wir von einem stürmischen Begrüßungskomitee überrascht werden: unsere Eltern, Franks Schwester und zwei Freunde stehen mit einem Willkommensschild bereit, uns wieder in die Arme zu schließen…

Und so kehren wir am 22. Dezember nach 352 Tagen und 32620 Kilometern wieder nach Hause zurück, um mit unseren Lieben Weihnachten zu feiern!


Epilog

28. Dezember – Aber halt! Es fehlt ja noch der dritte im Bunde! Idefix hat am gleichen Tag Cancun verlassen und ist in München gelandet. Nach den Weihnachtsfeiertagen hat sich Frank mit einem Anhänger ausgerüstet ins über 400 Kilometer entfernte München aufgemacht. Glücklicherweise waren die Lagergebühren am Flughafen mit 7 Euro pro Tag wirklich preiswert. Ein bisschen Verwirrung gab es dann kurzzeitig beim Zoll: Der Beamte, der Franks Frachtpapiere abstempeln musste, bestand doch tatsächlich darauf, dass wir Importzoll zu bezahlen hätten – schließlich hätten wir ein mexicanischen Motorrad importiert. Dass auf den Frachtpapieren allerdings das deutsche Kennzeichen bereits groß und fett aufgedruckt stand, und Frank gleichzeitig den deutschen Fahrzeugschein vorlegte, konnte den Mann zunächst nicht beirren. Nach langem Diskutieren konnte Frank ihn aber doch überzeugen, dass Idefix ein Germane ist! Ende gut – alles gut! Wenn da nicht noch der kleine Wehmutstropfen wäre, dass man unser Motorrad nicht so pfleglich behandelt hat, wie man das für den horrenden Frachtpreis von 1500 Euro eigentlich erwarten sollte: Frisch geputzt in Mexico übergeben (ebenfalls eine Vorschrift der Fluglinie) – aber zurückbekommen haben wir es über und über mit schwarzem Staub verdreckt und mit einem abgebrochenen Außenspiegel! Schade, unser treuer Reisegefährte hätte eine bessere Behandlung verdient gehabt…

Jetzt warten auf uns zu Hause etliche Erinnerungsstücke, die ausgepackt, Geschichten, die erzählt, und neue Pläne, die verwirklicht werden wollen. Deshalb bleibt uns nur noch eins zu sagen:

Dieses Jahr hat uns um unzählige neue Erfahrungen, viele einmalige Erinnerungen und noch mehr schöne Fotos bereichert und wir möchten keine Minute davon eintauschen. Wir werden diese einmalige Zeit vermissen – aber wie sagt man so schön:
„Nach der Reise ist vor der Reise…“

Schön, dass ihr uns auf unserem Abenteuer begleitet habt!

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